L’Exercise de l’Etat: Der Mann denkt, er könne etwas regeln. Aber die Umstände sind gegen ihn: es schneit –  ja es ist nicht einmal verständlich, wie sich seine Peugeot-Limousine bis in diese kalte Gegend vorkämpfen konnte – im Schneetreiben stehen vermummt Streikende der Gewerkschaft, halten brennende Fackeln hoch und werden schliesslich gegenüber dem Minister handgreiflich. Zurück ins Auto, Rückzug, nächster Termin. Die Privatisierung der Bahnhöfe, hier hat sie ihr Gesicht bekommen, inmitten der weissen Leere, ein paar wenige Leute – sinnigerweise sind sie per pedes – scheinen dagegen, die motorisierte Staatsmacht will beschwichtigen, aushorchen, umstimmen und muss schliesslich den Rückzug antreten. Das Hauptthema dieses Films, die Privatisierung der elenden Bahnhöfe, wird in dieser Szene auf einen symbolischen Nenner gebracht: eine noble Staatskarosse gegen ein paar Fusssoldaten im unwirtlichen Leerraum. Später wird der Kontext mit Zahlen ausstaffiert, wird hochgeschönt – plötzlich sind angeblich 57 % für die Privatisierung, mit der richtigen Kampagne könnten es noch mehr werden. Das Thema ist der Rubikon dieses Films: Erst hat die Hauptfigur Skrupel, der Staatssekretär jedoch wird schon längst von höherrangigen Mitspielern erpresst, es kommt die Schnee-Szene, schliesslich muss der Minister einlenken, schliesst sich dem Komplott an und versucht gegenüber der Öffentlichkeit alles ins Positive zu rücken, da kommt die Versetzung ins Nachbarministerium und der Dreck ist endlich weg vom Stecken – oder?

Es spielt sich viel ab auf den Wegen zwischen dem einen Ereignis und dem nächsten, der Regisseur Pierre Schoeller schildert detailliert die Zwischenaufzüge: Aufweck-Anruf im Bett, Transfer zum Flugplatz, Helikopter in die Berge, Transfer per Auto zur Unfallstelle, dann Stille im Zelt über den Opfern des Busunglücks nach einem Krawattentausch, damit es im Fernsehen besser rüberkommt. Man ist schliesslich mit dem Verkehrsminister unterwegs, die Wege gehören ihm.

Dieser Politiker ruht dabei aber nicht bei sich. Unentwegt ist er woanders, versucht, den Tatsachen nachzufolgen. Kaum sind die ersten Eruptionen im offenbar neuen Arbeitsfeld absorbiert und der neue Fahrer des Dienstwagens eingeschult, wartet schon der Geburtstag seiner Frau: Unruhig will der Minister weg, aber die Gattin zieht ihn mit forschem Griff zurück ins Bett, der reissende Hemdstoff gibt präzise über sein Wohlbefinden Auskunft. Während der ausgedehnten Autofahrten hängt der Minister stets an der Strippe mit jemand anders, versucht, alles ins Lot zu bringen, und hechelt doch nur den Entscheidungen anderer hinterher. Als er schliesslich bei seinem neuen Fahrer zuhause mit dessen Frau sitzt, macht er die Nacht zum Tage, indem er sich auf einer Baustelle selbst inszeniert. Es muss immer gleich das nächste große Ding sein. “Wir werden hungrige Tiger sein in dunkler Nacht”, sagt er zu sich selber im Spiegel, dabei denken die Tiger längst schon an den kommenden Sonnenaufgang und werden matt dabei. Eine unbarmherzige Schilderung des Gefressen-Werdens. Uneingeschränkte Empfehlung.