Vielleicht wegen des Breivik-Schocks, vermutlich aber auch einfach so strömen jede Woche Dutzende von Skandinaviern an die Gestade Norddeutschlands, um sich mit billigem Sprit einzudecken. Sie nehmen die Fähre von Göteborg oder Oslo, zahlen rund 200 bis 300 Euro für die Übernachtpassage, um sich dann am nächsten Tag auf dem Festland in Kiel günstig mit Fusel einzudecken. In den Bottleshops kann man sogar direkt mit Norwegischen Kronen bezahlen.

Sie führen Rollkoffer mit sich und Baumarktgestelle, die eigentlich für den Getränke-Großmarkt bestimmt sind. Wie verhuschte Gestalten wanken sie über die gutgeteerten Straßen am Hafenbecken, verdrücken noch rasch ein Fischbrötchen, bevor es wieder zurück auf die Fähre geht. Wir durcheilen diesen Alkoholtourismus, erhaschen sonnige Stunden, die im Frühjahr rar sind. Der nördliche Wind ist weniger energisch als sonst. Wir treffen die Bewohner von Schleswig-Holstein an, wie sie mit Hafen-Schnurrbärten und Sonnenbrillen ihrem Treiben nachgehen, einige politische Vertreter haben die Stände der Parteien bemannt, wo sie vor Plakaten von Albig, Habeck und Co. stehen. Es ist Wahl in Schleswig-Holstein, am 6. Mai, und die Piratenpartei trifft sich rechtzeitig dafür im Niemandsland von Neumünster, in einer strukturschwächelnden Region also, wo diese neue Rasse von Politiker gewiss genügend Aufmerksamkeit erhalten wird.

Wir drehen ab. Besteigen ein Hafentaxi und schippern durch die Förde in Richtung offenes Meer und Nord-Ostsee-Kanal.

Auf dem Wasser ist es ruhiger als am politischen Land, hier auf dem Oberdeck der Laboe-Kiel-Fähre tummeln sich Menschen zum samstäglichen Schwatz, es gibt einige Marinewatcher und Ausflügler. Vor den Kränen der HDW Werft liegen wie schwere Fischkörper die Dolphin-U-Boote im Wasser, die einst von Israel in Betrieb genommen werden. Es sind zwei Wochen nach der Grassschen Gedichtattacke. Die U-Boote liegen unberührt da, sie müssen noch in die Kompressionskammer, damit die Aussenhülle auf Haarrisse überprüft werden kann. So ein paar poetische Zeilen können einem 60m-Kriegsgerät mit extra-großen Torpedorohren nichts anhaben, und in der Kieler Förde liegen die Vehikel zuverlässig weit ausserhalb des Blickwinkels eines durchschnittlichen Kriegsgerät-Export-Gegners.

Je weiter wir in Richtung See fahren, desto mehr gelangen wir in den Einzugskreis des eigenartigen Förde-Biotops. An den Stränden und Fischbrötchenständen gelten eigene Gesetze, und weit draußen spielen die Schwierigkeiten des Binnenlandes nicht die geringste Rolle. Dunkle Wolken ziehen auf, als der Leuchtturm von Friedrichsort und der Turm des Marinedenkmals Laboe in Sicht kommen. Der Regen und Nebel verschlucken uns gänzlich.