Es gab anscheinend keine Hoffnung auf richtige Kämpfe. Als wir Monte Pocero verließen, hatte ich meine Patronen gezählt und festgestellt, dass ich während fast drei Wochen nur drei Schüsse auf den Feind abgegeben hatte. Es heißt, man brauche tausend Kugeln, um einen Mann zu töten. Bei dem Tempo würde es zwanzig Jahre dauern, bis ich meinen ersten Faschisten getötet hätte. Bei Monte Oscuro lagen sich die Kampflinien näher, und man feuerte öfter, aber ich bin ziemlich sicher, dass ich nie jemanden getroffen habe. Tatsächlich war an dieser Front und zu dieser Zeit des Krieges die wirkliche Waffe nicht das Gewehr, sondern das Megaphon. Da man den Feind nicht töten konnte, schrie man statt dessen zu ihm hinüber. Diese Methode der Kriegführung ist so außergewöhnlich, dass ich sie beschreiben muss.

Dort, wo sich die Kampflinien auf Rufweite gegenüberlagen, gab es immer allerhand Geschrei von Schützengraben zu Schützengraben. Von uns: »Fascistas – maricones!« Von den Faschisten: »Viva Espana! Viva Franco!« — oder wenn sie wussten, dass ihnen Engländer gegenüberlagen: »Geht nach Hause, ihr Engländer! Wir wollen keine Fremden hier!« Auf der Regierungsseite, in den Parteimilizen, hatte man das Propagandageschrei zur Unterminierung der gegnerischen Moral zu einer richtigen Technik entwickelt. In jeder günstig gelegenen Stellung wurden Soldaten, gewöhnlich Maschinengewehrschützen, als »Schreier vom Dienst« abkommandiert und mit Megaphonen ausgerüstet. Im allgemeinen verkündeten sie einen festgelegten Text voller revolutionärer Töne, worin den faschistischen Soldaten erklärt wurde, dass sie bloß Söldlinge des internationalen Kapitalismus seien, dass sie gegen ihre eigene Klasse kämpften und so fort, und man beschwor sie, auf unsere Seite zu kommen. Diese Parolen wurden von sich ununterbrochen ablösenden Propagandisten wiederholt, manchmal dauerte es fast die ganze Nacht. Es ist kaum zu bezweifeln, dass dies eine Wirkung ausübte. Jeder stimmte damit überein, dass die vereinzelt zu uns kommenden faschistischen Deserteure teilweise durch diese Parolen beeinflusst wurden. Wenn man sich vorstellt, dass irgendein armer Teufel – sehr wahrscheinlich ein sozialistisches oder anarchistisches Gewerkschaftsmitglied, gegen seinen Willen zur Wehrpflicht gezwungen – auf seinem Wachtposten fror, so musste die Parole »Kämpfe nicht gegen deine eigene Klasse!«, die dauernd durch die Nacht klang, vielleicht gerade die schmale Grenze zwischen Fahnenflucht und Aushalten bei ihm berühren. Natürlich stimmt dieses Verfahren nicht mit der englischen Anschauung vom Krieg überein. Ich gebe zu, dass ich erstaunt und empört war, als ich zum ersten Mal sah, wie es gemacht wurde. Man denke sich, ein Versuch, den Feind zu überreden, statt ihn zu erschießen! Heute jedoch bin ich der Meinung, dass es in jeder Hinsicht eine legitime Kriegslist war. Im gewöhnlichen Stellungskrieg ist es ohne Artillerie äußerst schwierig, dem Feind Verluste beizubringen, ohne sie in gleicher Höhe selbst zu erleiden. Um so besser ist es, wenn man eine bestimmte Anzahl von Gegnern ausschalten kann, indem man sie zur Fahnenflucht überredet. Deserteure sind sogar nützlicher als Leichen, denn sie können Informationen geben. Aber anfangs brachte uns das alles zur Verzweiflung. Es gab uns das Gefühl, dass die Spanier ihren Krieg nicht genügend ernst nähmen. Der Mann, der die Parolen auf dem P.S.U.C.-Posten rechts unterhalb von uns hinüberschrie, war ein Künstler in seinem Beruf. Statt revolutionäre Losungen zu verbreiten, erzählte er manchmal den Faschisten, wie viel besser als sie wir ernährt würden. Sein Bericht über die Rationen auf der Regierungsseite neigte dazu, ein bisschen phantasiereich zu sein: »Toast mit Butter!« -man konnte seine Stimme als Echo über das einsame Tal schallen hören. »Wir setzen uns hier gerade hin und essen gebutterten Toast! Liebliche Schnitten mit gebuttertem Toast!« Ich zweifle nicht, dass er während der letzten Wochen oder Monate genau wie jeder von uns Butter nicht gesehen hatte. Aber wahrscheinlich ließ in einer eiskalten Nacht die Ankündigung von gebuttertem Toast vielen Faschisten das Wasser im Mund zusammenlaufen. Sogar mir lief es im Mund zusammen, obwohl ich wusste, dass er log.

George Orwell: Mein Katalonien (1938)