Während Saudi Arabien auch anderweitig im Fokus deutscher Interessen steht, ist eine recht schleichend vor sich gehende Entwicklung in einem ausführlichen Bericht der FAZ dokumentiert worden. Philipp Hummel zeigt darin ganzseitig, wie saudische Universitäten (vornehmlich King Abdulaziz University (KAU) in Dschidda und King Saud University (KSU) in Riad) die Mechanismen des weltweiten Hochschulrankings ausnutzen, um sich selbst besser zu positionieren. Es dürfte dies nur das vorerst letzte Beispiel dafür sein, dass die scheinbare Transparenz in Sachen Qualität der Bildungseinrichtungen dazu führt, dass diese ganz gezielt Massnahmen ergreifen, um im Wettbewerb besser abzuschneiden. Es muss nicht extra darauf hingewiesen werden, dass diese Massnahmen kosmetischer, oftmals formaler Natur sind, und dass eine Verbesserung der Bildung oder Forschung nach solchen Massnahmen allenfalls auf dem Papier exisitert. In dem vorliegenden Fall haben die Universitäten KAU und KSU weiträumig westliche Spitzenforscher (oder eher: -publizierer) angeschrieben und ihnen finanziell gut gefütterte Angebote für eine Gastprofessur unterbreitet. Über diesen Sachverhalt wurde im Dezember 2011 bereits vom allgemeinwissenschaftlichen Magazin “Science” berichtet (Zugang nur für Abonnenten). In einem Bericht von 2009 schrieb Jeffrey Mervis, dass die King Abdullah University of Science and Technology (KAUST) “perhaps the most-watched experiment in higher education taking place anywhere in the world” sei, mit einem jährlichen Etat zwischen 10 und 20 Milliarden $ (im Vergleich: das Stiftungsvermögen der Harvard University beträgt 32 Milliarden $). Mit dem Öl-Geld, das in die saudischen Bildungseinrichtungen gesteckt wird, solle der Transfer vom Ressourcen- zum Wissensland gelingen, schreibt Mervis. Viel hilft bekanntlich viel, allerdings benötigt die Forschung in erster Linie kluge Köpfe. Falls diese nicht gewillt sind, in den Institutionen selbst zu forschen (und zu residieren), dann sollen herausragende Wissenschaftler aus Europa und Nordamerika wenigstens eine formelle Gastprofessur der entsprechenden Wüsten-Uni innehaben. Hintergrund dieses Manövers ist es, dass diese sogenannte “Zweitaffiliation” der Forscher in Publikationen explizit genannt wird, wodurch der “Wert” der entsprechenden Einrichtung, also KAU oder KSU, dank den Hochschulranking-Algorithmen steigt. Für Wissenschaftsportale wie Thomson Reuters (ISI Web of Knowledge) zählt alleine die Zahl der Publikationen und Zitationen  pro Forscher/pro Einrichtung, und viele Rankings, die von verschiedenen Stellen stammen, greifen auf diese Zahlen zurück. Der “Impact Factor” einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift bemisst sich danach, “wie oft andere Zeitschriften Artikel aus ihr in Relation zur Gesamtzahl der dort veröffentlichten Artikel zitieren” (Wikipedia). Je höher also der Impact Factor, desto attraktiver für einen Forscher, in dieser Zeitschrift zu publizieren und desto ruhmreicher für eine Universität, viele Artikel in ebenjener Zeitschrift vorweisen zu können. Der Impactfactor des Magazins “Science” etwa beträgt 31.364 (2010).

Ist eine Gastprofessur in saudischen Unis eine delikate Angelegenheit? Das ist die Frage der Forschungsgemeinde. Die von der KAU angebotenen Verträge zur Gastprofessur boten den Forschern 6000 Dollar monatlich über einen Zeitraum von einem Jahr, forderten einen Aufenthalt in Dschidda von wenigstens 30 Tagen sowie die Angabe der KAU als Zweitarbeitgeber in einschlägigen Wissenschaftsportalen und eben den Publikationen, “um die weltweite Sichtbarkeit der KAU zu erhöhen”. Der Tenor in Hummels FAZ-Text lautet, dass diese bezahlten Nennungen in höchstem Maße fragwürdig sind, weil “nicht der Aufbau wissenschaftlicher Kompetenz, sondern andere, nicht wissenschaftskonforme Motive” verfolgt würden, so zitiert Hummel Lothar Willmitzer (Direktor des Max-Planck-Instituts für Pflanzenphysiologie, Potsdam), der dem saudischen Gehabe nach anfänglicher Naivität sehr kritisch gegenübersteht. Andere, wie etwa Helmut Schwarz (TU Berlin), führt Hummel als uneinsichtige Geldeinstreicher auf. Schwarz ist immerhin Präsident der Alexander von Humboldt-Stiftung (unterstützt ausländische Forscher in Deutschland, vergibt hochdotierte Professuren), portraitiert sich im Kolonialherren-Stil mit Leopard im Pastellfarbenbild einer Bekannten und trägt das Bundesverdienstkreuz erster Klasse. Dass er gerne Gastprofessuren annimmt, lässt sich seiner Vita entnehmen.

So sieht gekaufte Forschungsexpertise aus: Übersichtsartikel über thermale Wasserstoffatom-Transfers in der renommierten Zeitschrift “Angewandte Chemie” vom 16. März 2012.