Deutschland hat wieder einen geistigen Führer. So zumindest muss einem Zeitungsleser die Situation erscheinenen. Alles verläuft wieder in gesitteten Bahnen. Zwar tauchen hier und da noch Glossen auf, die vernarbte Erinnerungen an eine unsägliche Zeit der Politik sind. Überregionale Blätter wie die FAZ haben sich über Monate hinweg zum Sprachrohr von Neidern und Defätisten gemacht. Ich erinnere mich noch an einen Umtrunk 2009 in der Berliner Redaktion, als mir ein hochnäsiges Mädchen von ihren ersten Praktikumswochen in Frankfurt erzählte. Damals hatte sie den Ressortleiter kennengelernt und insider-Sprech triefenderweise gefragt, “wo denn die Abteilung für investigative Recherche sei”. Natürlich erntete sie damit nur ein onkelhaftes Lächeln, denn Zeitungen wie die FAZ recherchieren nicht mit “investigativen” Methoden, das hatte das Mädchen spätestens in Berlin auch verinnerlicht. Ihre Ausdrucksweise sprach Bände darüber, dass Journalisten wie sie nur bei Blättern arbeiten, an die die Firmen und Ministerien Informationen auf offiziellem Weg herantragen, “im Gespräch mit dieser Zeitung” heisst das dann. Bei Wulff war alles anders. Entweder die investigative Recherche wurde zum Plansoll erhoben, oder man liess sich gleich von BILD oder Spiegel die investigativen Infos durchkabeln. Selbst einige der Herausgeber entwickelten einen krankhaften Drang, diesen unliebsamen Bundespräsidenten endlich zum Rücktritt zu bewegen, nachdem die vereinten Anstrengungen von Sigmar Gabriel, Jürgen Trittin und der Restpresse einfach nicht gereicht hatten. All das sollte jetzt vorbei sein. Gerade die FAZ hatte Gauck damals ja schon als ihren eigenen Kandidaten aufgestellt, hatte ihn für ihre Anzeigenserie “Kluge Köpfe” vor dem Schloss Bellevue in Stellung gebracht und ihn auf Lesereisen begleitet. Einfühlsam, so kann man die Redakteursbestrebungen nur beschreiben:

Immer wieder blickt Gauck auf und schaut in den Saal, und dann erklärt
er, ordnet ein, schweift ab, halb ist er ein Prediger, halb ein
Lehrer, ohne jede Schüchternheit, ohne jeden Selbstzweifel. Er sagt,
er habe durch das Buch noch einmal eine Veränderung erfahren, hin zu
sich selbst. Der Mann auf der Bühne macht den Eindruck einer völlig
abgeschlossenen, fertigen Persönlichkeit. Gauck erzählt dem Publikum
eine Geschichte, die sein Vater den Kindern nach der Rückkehr erzählt
hat, ein Erlebnis aus Sibirien, das zum Gleichnis wird über
Entfremdung. Das Publikum ist die Gemeinde, oder es sind die Kinder,
und Gauck ist der Vater, der Großvater. Ein Vater ist er vielleicht
immer schon gewesen: ältester Sohn, der mit der Mutter über die
jüngeren Geschwister beriet, der Vater abgeholt. Der Vater Gauck liest
vor aus den Jahren vor der Wende, aus der Zeit, in der viele
Weggefährten Ausreiseanträge stellten und das Land verließen, auch die
Söhne. Er liest vor aus dem Tagebuch seiner Tochter, und als er fertig
ist, blickt er auf, und die Stimme wird zärtlich. “Gesine, meine
Tochter. Wo bist du?” Es wird hell im Saal, in der ersten Reihe sitzt
Gesine, 46 Jahre alt. “Steh mal auf, Gesine.” Gesine steht auf,
Applaus. “Sie ist aus Bremen hergekommen, um ihrem Vater beim Lesen
zuzuhören.”

Nun haben wir ihn also, die abgeschlossene Persönlichkeit. Das ist vermutlich eine der Eigenschaften, weswegen Gauck von vielen bewundert wird. Er hat seine Ortung beibehalten und konnte schliesslich die Früchte seiner Arbeit ernten. Wer wagt es schon, von sich selbst so etwas zu behaupten? Wenn es um unsere Arbeitsplätze geht, sind wir uns da nicht so sicher. Eine grossartige Anstellung in einer Firma, die von ausländischen Investorengeldern getragen wird, kann sich schnell als kurzfristige Heuschreckenstelle entpuppen. Der Traum von New Economy, an den viele Menschen zu glauben gepflegt haben, ist rasch dahin. Der Aufbau Ost ist ein Phantomschmerz. Bahnhofsgegner werden rasch zu Fortschrittsverweigerern, und selbst kontroverse Diskussionen wie jene von Sarrazin sind irgendwann nur Medien- (oder Spiegel-)geschichte. In den wechselvollen Jahren der heutigen Landes- und Bundespolitik fällt es sich besonders leicht auf die Nase. Rationale Wirtschafter stellen sich als akademische Diebe heraus. Scheinbar fortschrittliche Parteien ereilt die ideenlose Vergangenheit. Die Jäger des freien Dateienuniversums werden sich als Kämpfer gegen Windmühlen wiederfinden. Also: In der heutigen Zeit gibt es keine entdecktbare moralische Grundlage, auf die man sich verlässlich stellen könnte, von der aus man einen sicheren Feind gegen sich hätte. Ist das Publikum erstmal abgelenkt, verlischt auch rasch das Interesse der Medien. Gauck steht für eine andere Zeit. Seine Einstellung war die von uns beglaubigte, sein Kampf ein Schrecken mit Ende. Kein Wunder wünschen sich so viele Bürger einen Bundespräsidenten wie ihn, weil die Hoffnung in manch einem keimt, selbst eine solche Rolle einnehmen zu können. Über mögliche Ziele ist sich aber noch niemand klargeworden. Ob es welche gibt, ist nicht sicher.