Es gibt nun ein Gauck-Amt. Die Autobiographie des ersten Sonderbeauftragen für die Stasi-Akten habe ich vor zwei Jahren noch abgelehnt, weil mir der Anfang des Buches zu gewollt, der Erscheinungstermin zu gewollt pünktlich, der Titel zu gewollt poetisch und das Ganze mit Gauck for Bundespräsident zu gewollt demokratisch erschien. Mittlerweile sehe ich das anders. Die Lektüre von “Winter im Sommer – Frühling im Herbst” ist erkenntnisfördernd. Es schadet nicht, ein breites Vorwissen über die damalige Geschichte zu haben, um die beschriebenen Situation einordnen zu können, und doch sind Gaucks Fallbeispiele erklärend genug, damit man sich von dem Land, aus dem er stammt und das ihn so stark geprägt hat, ein Bild machen kann.

Mit gefällt die Bissigkeit von Gauck. Viele reden ja, oder haben bei der Wahl damals davon geredet, dass er ein “unbequemer Bundespräsident” sein würde. Das ist ein Euphemismus. Dieser Mann ist ein rhetorischer Schlägertyp, das macht ihn für mich sehr sympathisch. Es gibt einige Stellen im Buch, in denen er das nicht ohne Stolz demonstriert. Meine Lieblingsstelle spielt im Audimax der Humboldt Universität. Gauck – und das stellt die größte Ungeheuerlichkeit in der post-Stasi Zeit dar – wurde als Leiter der Stasi-Unterlagen-Behörde und nach der Bloßstellung des Rektors (Heinrich Fink) der Humboldt Universität vorgeworfen, er habe selbst eine Vergangenheit als IM. Das ist eine perfide Spielart eines postdiktatorischen Staates, dessen Angehörige sich das Bespitzelungssystem einer DDR zunutzen machen, um gegenwärtige Funktionsträger unrechtmässigerweise zu denunzieren. Die damalige PDS hatte laut Gauck 1991 genügend Resonanz an der HU, um einen Großteil der Studentenschaft gegen ihn aufzubringen. Der Begriff des “Gaucklers”, der gegen unliebsame Politiker das IM-Akten-As aus dem Ärmel zaubert, ist auf kommunistischen Websites auch heute noch ein gern benutztes Schmähwort. Gauck berichtet in seinem Buch selbstsicher und voll frischer Energie von den Protesten:

«Unser’n Heiner nimmt uns keiner!», skandierten die Studenten, die eines Tages vor unsere Behörde in die Behrenstraße zogen, die Straße war bis Unter den Linden schwarz vor Menschen. Da ich nicht da war, stellte sich Herr Geiger den äußerst aggressiven Demonstranten und versprach über einen Lautsprecherwagen der Polizei, dass wir uns in der Humboldt-Universität in Kürze einer Diskussion stellen würden. Mir kam eine derartige Diskussion geradezu gelegen. Wo waren diese Studenten, die für Fink auf die Straße zogen, 1989 gewesen? Hatten sich die meisten bei der Revolution nicht auf eine peinliche Weise zurückgehalten? Waren sie im DDR-System nicht zu einer hohen Anpassungsleistung bereit gewesen, um in ihrem Fach studieren zu dürfen? Und die alten Hochschullehrer: War eine Reihe von Lehrstühlen nicht mit Leuten besetzt, die in ihre Führungsrollen keineswegs durch ihr Können, sondern durch die Kaderpolitik der SED gebracht worden waren? Statt kritisch die eigenen Biographien zu prüfen, warfen sie nun westdeutschen Bildungs- und Hochschulpolitikern vor, dass sie wie Kolonialherren auftreten würden.

Der Saal des Auditorium Maximum war überfüllt, die Stimmung aufgeheizt. Bis heute erinnere ich mich an den Satz, mit dem ich das Publikum in aufklärerischer Verve begrüßte: «Gelassen und voller Freude erwarte ich die Proteste einer PDS-gesteuerten Hochschulöffentlichkeit.» Und ich ballte die Faust. Buuuuh!