Im Spiel des literarischen Protektionismus hat die Schweiz einen Sieg über die kurzfristige Diktatur des Spiegels errungen. Christian Kracht, verstimmter Ex-Popliterat, hat im noblen “Kaufleuten”-Club nun also doch aus seinem neuesten Roman “Imperium” vorgelesen. Die erste Lesung in Berlin im Februar hatte er ja abgesagt. Nach Attacken im Spiegel, einer Solidaritäts-Autorenlichterkette (Kehlmann, Jelinek, andere Unbedeutende) sowie einer “Debatte” folgte nun also der Auftritt von Kracht im elitären Kaufleuten (früher hat er bei den Dadaisten gelesen). “Neutraler” Boden. Nur akkreditierte Presse, keine Fotos bitte. Die Schweizer reiben sich die Hände: Deutschlands literarische Kriegsfühung – SZ, FAZ, Welt Online und Co. – muss die Kapitulationsbedingungen im Spiegelsaal von Zürich entgegennehmen. Die Präambel lautet: man hat dem Autoren Unrecht getan. Ein neues Werk von ihm kontrovers “diskutiert”. Ihm (wiedereinmal) vorgeworfen, er sei ein Türsteher rechten Gedankentums. Zur Strafe müssen alle anwesenden Blätter in ihrer Donnerstags-, spätestens aber Freitagsausgabe richtigstellen, dass das Buch harmlos, die schweizerische Gesellschaft offen und der Autor ein schützenswerter Mann ist. Der in der “Alpenrepublik” Asyl gesucht und gefunden hat, denn er ist kein Deutscher, obwohl sich die hiesige Literaturszene es so wünscht. Krachts Dialektlosigkeit, Dandyhaftigkeit und subtiler Stil haben wohl manchen Kritiker vergessen lassen, dass er eben, angeblich, im Skiort Gstaad geboren wurde, oder es zumindest gern so hätte. Blickt man vom œuvre her, kann man bei Kracht Zürich erst als den Endpunkt einer suizidalen Reise in die völlige gesellschaftliche Bedeutungslosigkeit erkennen (Faserland: die Reise beginnt auf Sylt), schliesslich die Alpenfestungen einer fiktiven Schweiz, nur 100 Kilometer südlich, als Rückzugsort vor ideologiefremden Mächten verstehen lernen (Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten). Das “réduit”, der Rückzugsort, gibt über die Trennung Auskunft: im Norden ist böser Schatten, im italienischen Süden heiter Sonnenschein. Kracht hat sich also in sein eigenes Werk zurückgezogen. Dort kann man auch endlich mal über die Deutschen lachen, wie der Stern fremdgesteuert textet. So ausgelassen geht es selbst im Kaufleuten nicht oft zu.