Christian Kracht ist am 22. Februar nicht zu der Lesung seines neuen Buches “Imperium” im Deutschen Theater in Berlin erschienen. Alle, die bereits eine Karte hatten (es war früh ausverkauft), werden es gemerkt haben, andere konnten in der Zeitung darüber lesen. Krachts neues Buch war am 16. Februar erschienen. Im Spiegel erschien am 13. Februar eine Rezension von Georg Dietz, in der er über Krachts Veröffentlichung hergezogen war. Dietz bezeichnet Kracht unter anderem als “Türsteher rechter Gedanken” und unterstellt ihm eine rassistische Weltsicht, die in dem Buch zum Vorschein käme. Daraufhin erklärte Kracht, es sei ihm nicht möglich, derzeit nach Deutschland zu kommen (er wohnt in Buones Aires, oder sonstwo) und sagte den Termin im DT ab.

Es folgte ein großes Pressegezeter. Viele Blätter kritisierten die Rezension von Georg Dietz im Spiegel. Felicitas von Lovenberg, FAZ-Schutzpatronin von exotischen Schriftstellern wie Charlotte Roche und eben auch Christian Kracht (Rezension), entkräftete Dietz’ Argumente mit dem Hinweis, er habe Krachts “ironisches Spiel” nicht durchschaut. So lautete auch die Meinung in den anderen Zeitungen. Da sich die Hauptfigur in dem Roman “Imperium” zu einem Antisemiten wandelt (und schlussendlich stirbt, was ist wohl schlimmer?), liegt der Vorwurf nahe, Kracht wolle die Person von August Engelhardt dem Mainstream näherbringen. So sieht das offenbar Dietz. Andere Autoren sehen das anders, denn Elfriede Jelinek, Daniel Kehlmann et al. haben kurze Zeit später einen offenen Brief an die Spiegel-Redaktion geschrieben, in dem sie Georg Dietz vorwerfen, die Grenzen von Kritik und Denunziation überschritten zu haben. Der Spiegel veröffentlichte dann in der Folgeausgabe vom 18.2. brav eine Gegendarstellung von Helge Malchow, dem Verleger von Christian Kracht. Ende gut – alles gut, und es stellt sich die Frage, wie inszeniert diese Story denn wieder einmal war, wie abgekartet in ihren Positionen und schneller Konsensfindung. Dieses Buch stellt eine Beschönigung unrechtmässiger Ideologien dar, der Autor bringt seinen Lesern einen irren Menschen näher! Er ist ein Türsteher rechter Ideologien! Gerade in Zeiten von NSU muss man vorsichtig sein. Nein, in Ordnung es ist nur Literatur. Wie augenfällig das ganze ist, lässt sich leicht daran ablesen, dass Kracht ausgerechnet die Premieren-Lesung im DT absagen liess, und nicht etwa die letzte Buchvorstellung in der Spiegel-Stadt Hamburg am 20.4. in der Sternwarte. Das Buch “Imperium” halte ich wiederum für schwächer als seine vorherigen Bücher. Möglicherweise liegt es daran, dass es bloss Doku-fiction ist. Vielleicht hat es gerade deshalb diesen ersten Schuss Presseaufmerksamkeit nötig gehabt.

Kracht macht sich seine Art, unzuordbar zu sein, natürlich gut zu Nutze. Schon 2007 gab es einen ähnlichen Disput zwischen Süddeutsche und FAZ, den naturgemäss die FAZ gewinnen musste, auch ohne Eingreifen von Frau von Lovenberg. Damals hatte Tobias Rüther gegengesteuert:

Bitte lesen Sie diese Glosse auf keinen Fall rückwärts. Sie enthält gefährliche Botschaften, zum Beispiel das Wort Pop. Wie gefährlich Pop ist, kann man leicht nachweisen. Lesen Sie Pop doch kurz einmal rückwärts. Gut. Und jetzt lesen Sie bitte 666 rückwärts, die Zahl des Teufels. Sehen Sie? Das sind die Methoden des Antichristen! Man darf nicht kleinlich sein, wenn man sich gegen Besessene zur Wehr setzt, die Pop ins Zwielicht rücken wollen, wie der Schriftsteller Christian Kracht. Dieser “Pop-Besessene”, so berichtete die “Süddeutsche Zeitung” gestern besorgt, ist auf dem besten Weg hinab in die Unterwelt des rechten Sumpfs. […] Weil Kracht Kim Jong-ils Nordkorea als gigantische Inszenierung beschrieb, weil er Nietzscheanern in den Urwald nachreiste und eine unernste Dystopie namens “Methan” vorlegte, weil er die Hauptfigur seines Romans “1979” in einem chinesischen Lager verhungern ließ und sich, wie die “SZ” schreibt, als “postmoderner Dandy” und “reaktionärer Schnösel” gebärde, wegen alledem spiele er den neuheidnischen Reaktionären der deutschen “Darkwave”-Szene in die Hände. So deutlich steht das allerdings nicht im Artikel, es fehlen dem Autor die Argumente. Nur ein Interview gibt es, das Kracht dem zwielichtigen “Darkwave”-Magazin “Zwielicht” gegeben hat. Und den Befund, dass Krachts “immer abstrusere Versuche, mittels der literarischen Rede Grenzen zu überschreiten”, zur Folge hätten, “dass ihm Aufmerksamkeit von einer kleinen Gruppe von Menschen zukommt, die in ihrer Freizeit gerne gestärkte und gebügelte HJ-Uniformen trägt und vom Lagerfeuerabend mit gleichgesinnten Kameraden träumt”. Zum Glück kann es Kracht egal sein, was Leute mit seinen Büchern tun, die zwar bügeln und stärken, aber nicht lesen können. Kracht selbst spielte wie gewohnt nur mit ihnen, das zeigt das Interview. Die, die lesen können, schätzen seine Bücher, weil sie in ihnen “kulturelle Emanzipation” finden, “Irritation, Innovation, Subversion, Auflösung von vorgegebenen Strukturen, die Verabschiedung von tradierten Werten, Brechung und Umcodierung bestehender Bedeutungszusammenhänge durch Ironisierung”. All das, so ermahnt die “SZ” den Schriftsteller Christian Kracht, sei doch die wahre Bestimmung von Pop. All das ist Christian Kracht. (FAZ vom 14.9.2007)