In diesen Tagen erfährt der Journalismus in Deutschland mal wieder eine semantische Bleichung. In solchen Zeiten ist es vorbei mit der “professionellen Fremdbeobachtung verschiedener Gesellschaftsbereiche” (Wikipedia). Heike Wiese, ihres Zeichens Professorin an der Universität Potsdam, forscht auf den Gebieten der Jugendsprache. Sie hat dieses Jahr beim Verlag C.H. Beck ein Buch darüber veröffentlicht. Das ist für die Medien natürlich interessant, denn es verspricht tiefgehende Einsichten in die Lebenswelt einer Generation, der Erwachsene schon allein technisch nicht folgen können. Heike Wiese ist so populär geworden, dass ihr Portal “kiezdeutsch” auch von der Bundeszentrale für Politische Bildung beworben wird. Frau Wieses Slang-Expertise in den Bereichen Wedding, Kreuzberg und Neukölln macht sie auch zu einer hervorragenden Touristenführerin. Schliesslich sind die Berliner Schmuddelecken, wo hinter verschlossenen Türen so ungemein kreativ gearbeitet wird, an vorderster Stelle das Ziel der jährlich > 10 Millionen Hauptstadtbesucher. Nur, was hat es mit der Forschung um Kiezdeutsch auf sich und wie sollten Ergebnisse davon interpretiert werden? Heike Wiese hat, in einem Satz zusammengefasst, den Strassenslang von deutschen Städten recherchiert, der durch türkische und arabische sprachliche Einflüsse entstanden ist und (in meinen Augen) mit Verhaltensmustern von Migrantenkindern verknüpft ist. Die Quintessenz ihrer Forschung besagt, dass die Etablierung eines Strassendeutsch unter Jugendlichen keine Dekultivierung darstellt oder etwa die Folge von schlechter Bildung ist, sondern eine kreative Folge von Integrationsprozessen in multiethnischen städtischen Regionen. Die Jugendlichen erfinden sich quasi eine neue Sprache, um besser mit ihren Freunden mit Migrationshintergrund kommunizieren zu können. Heike Wiese will die Sprache nicht als eine Abgrenzung zu den Erwachsenen verstanden wissen. Sondern eher als eine Folge von Vereinfachungen der Sprache, etwa den “semantisch gebleichten Verben”. Eine Babysprache, also. Die Zeitungen werden nicht müde, ihre Forschung und die daraus folgenden Erkenntnisse zu loben. “Faszinierendes Kiezdeutsch” heisst es dann. Andere, etwa die brave und oberhöfliche Welt online, meldet “keine Angst vor Kiezdeutsch” und ergibt sich ganz urdeutschen Reflexen, wenn sie im Aufkommen neuer Dialekte (wo doch Dialekte grundsätzlich bedroht seien) nicht nur die Wiederbelebung von Jugendkultur, sondern auch eine romantisch verklärte neue Sprachenwelt sieht.

Das ist natürlich alles Quatsch. Heike Wiese sei es gedankt für die überaus sachliche Berichterstattung aus der Oranien- und anderen Straßen. Wer selbst schonmal im Bus M29 gefahren ist (oder generell in Berlins öffentlichem Verkehr) und die Jugendlichen bei ihrem Sprech beobachtet hat, mag darin zwar einen holzschnittartig vereinfachten Dialekt erkennen. Die ungenügend sozialwissenschaftlich begleiteten Recherchen von Frau Wiese haben meines Erachtens aber nicht den wahren Grund dieser Dialektformung ergründet. Die Eingemeindung von Wörtern aus dem Türkischen und Arabischen und die Angleichung von Syntax und Konjugationsfehlern an die Sprechweise von mit Migrationshintergrund ausgestatteten Bewohnern deutscher Städte ist eine Folge der umgekehrt verlaufenden Integration. Der Hilferuf der Belegschaft der Rütlischule in der Weserstraße (richtig: Neukölln), die den Schulbetrieb aufgrund der hohen Ausländerzahl unter den Schülern und des damit verbundenen Anstiegs der Gewaltbereitschaft nicht mehr aufrechterhalten konnte, ist nur sechs Jahre her. Dass der Rütli-Capus mittlerweile ein Vorzeigeobjekt für die Politik geworden ist, ändert nichts an den Zuständen an umliegenden Schulen und am Problem für sich gesehen. Die Assimilierung deutscher (kiezdeutschdialektloser) Kinder durch Migrantenkinder was die Verhaltensweise und die Sprache angeht ist eine Folge des stärkeren Kontakts in den Städten. Erfreuliche Effekte einer “bunten Republik” verlangen hier ihren Tribut. Das Phänomen einer Jugendsprache zu beschönigen und sogar den Schulen und der politischen Bildung als zwar gefahrlose, aber doch begrüssenswerte Entwicklung zu verkaufen, ist kurzsichtig und schlicht dumm. Defizite im sprachlichen Ausdruck in der Schule behandeln zu wollen und kulturtheoretisch als gleichberechtigt anzusehen ist unsinniger Egalitarismus. Nach Heike Wiese hat jede Form von Sprache ihre Berechtigung – warum dann in den Schulen zu einer gewissen Richtung hinerziehen? Sprüche wie “Ich mach dich Messer” oder “Machst du rote Ampel” oder “Du Opfer” würden von kulturell gebildeten Menschen als das angesehen, was sie sind: Satzbilder einer ans Debile grenzenden Ausdrucksschwäche mit offenkundiger Bereitschaft zu Gewalt und Regelverstoss. Jürgen Kaube hat dankenswerterweise den normativen turn in Frau Wieses Paralleluniversum hervorgehoben. Die unplausible Aussage, die Jugendlichen würden über beide Sprachen verfügen und könnten wählen, umgeht die Frage nach dem Entstehen der “Kiezsprache”. In meinen Augen lässt sich das Entstehen zurückführen auf die Unterlegenheit von deutschen Kindern in städtischen Bezirken mit hohem Ausländeranteil.