Neulich mal wieder die Süddeutsche gekauft. Obwohl, kaufen ist das falsche Wort. Es war Schämen gegen Bezahlung. Allein das Papier, auf dem diese Journaille gedruckt wird, ist ganz grauenhaft, es ist kein richtiges Zeitungspapier, sondern wirkt ein bisschen plastifiziert, wie Einkaufstüten etwa oder der Stoff, aus dem halbwertige Hochglanzmagazine sind. Dann stand auch noch nichts Neues drin. Denn ich hatte die Zeitung natürlich erst schämend bezahlt, nachdem ich die FAZ und die Berliner Zeitung durchhatte. Was für ein Mistblatt!

Ich lief durch das Geniesel, hatte noch die Sätze von Nikos Dimou im Ohr. “Andere Völker haben Institutionen. Wir haben Luftspiegelungen.” Die Griechen machen eine Selbstbewusstseinstherapie, die nun schon zweitausend Jahre andauert. Was die Finanz- und Weltwirtschaftslage angeht, sollte Deutschland eigentlich mit einem psychologisch gestärkten Rückgrat dastehen. Aber nein, wir haben gerade unseren unfähigen Bundespräsidenten verloren respektive verloren gehen sehen, denn eine aktive Rolle hatte der Bürger dabei ja nicht. Die Bundesversammlung hat 2010 drei Anläufe gebraucht, bis sie sich endlich für Wulff entschieden hatte, die Linke sass paralysiert zwischen den Fronten, Gauck erinnerte die SED-Nachfolgepartei wohl zu stark an nicht aufgearbeitete Traumata, so dass Werner Schulz in der nachfolgenden Bundespressekonferenz treffend bemerkte, die Linke sei nicht über ihren “SED-Schatten” gesprungen. Dann die Hetzjagd der Medien (also nicht: der Bürger), die zumindest in der FAZ auch mal groteske Züge annahm, wenn sich der Mitherausgeber Berthold Kohler zu einem fragwürdig-hämischen Gedicht veranlasst sah.

Ich lief durch das Geniesel. Die Deutschen um mich herum wirkten nicht gerade wie Exportvizeweltmeister. Mit ihren Blicken hielten sie sich an mir fest, als könnte ihnen mein Anblick Stabilität geben an diesem regenfeuchten Tag. Ich dachte darüber nach, in den Trams Chopin-Waltzer spielen zu lassen, das würde alle Passagiere etwas beruhigen.