Thomas Ostermeier hat 2010 den höchsten französischen Kulturorden erhalten, er ist damit Officier des Arts et des Lettres. Ostermeier sitzt im deutsch-französischen Kulturrat. Clearly, dieser Mann ist mit 41 Jahren schon eine wichtige Person. Kein Wunder also, dass die Humboldt-Universität ihn zum VI. Humboldt-Meeting im Institut für deutsche Literatur einlud. Dort sollte er dem Nachwuchs an Literatur-, Sozialwissenschafts- und Kunstgeschichtsstudenten seine Thesen offen legen. Die Obhut hatte Régis Michel, Kurator am Louvre, der dieses Semester eine Gastprofessur in Berlin innehat. Unterstützt wurde er von einer verhuschten Assistentin sowie von Philipp Ruch und Stefanie Gerke. Ostermeier reizt in seinen Inszenierungen an der Schaubühne die Technik stets aus, doch seinem Auftritt am Hegelplatz kam die Infrastruktur zunächst in die Quere. Vor der Diskussion sollten Ausschnitte aus den Stücken Nora (Ibsen), Hamlet (Shakespeare) und Dämonen (Norén) gezeigt werden, die Ostermeier zwischen 2002 und 2010 auf die Bühne brachte und die zum Teil noch heute in Berlin und auswärts aufgeführt werden. Allein, die Assistentin schaffte es nicht, das Saallicht auszuschalten, so dass die Projektion kaum zu sehen war.

Dies war der Startschuss für ein Technik-Drama, das ganz unostermeierisch ohne jegliche Spannung blieb. Verschiedene Menschen versuchten sich an den zahlreichen Lichtschaltern des Saales, der Technikraum entging nur knapp einem Einbruchversuch. Völlig unbeholfen starrten die Organisatoren auf Bildschirme und kahle Wände, wo sie den rettenden Schalter vermuteten, suchten hinter Vorhängen und klemmten sich ihr Mobiltelefon ans Ohr. Die Aufzeichnung wurde vorerst abgebrochen.

Derweil machte sich unter den anwesenden Geisteswissenschaftlern in den Sitzreihen die Erkenntnis breit, dass solche Hilfseinblendungen tatsächlich der Vorbereitung bedürfen. Nur, um kurz darauf die Schuld an der versagenden Technik entweder dem Institutspersonal, dem Zufall oder der Technik selbst zuzuschreiben. Das Institutspersonal – dieses weilte, so erklärte Herr Michel in französisch unterlegtem Englisch, gerade bei einer Parallelveranstaltung im gleichen Haus. Und tatsächlich konnte man, wenn wiedermal eine kleine Traube ungeduldiger Besucher den Hörsaal verliess, vom Foyer her das Stimmengewirr und das fröhliche Gläserklirren eines funktionierenden, analogen Empfangs vernehmen. Jene Gäste, die beharrlich sitzen blieben, wirkten mehr und mehr ratlos. Niemand traute sich aber, den Herrn Ostermeier gleich selbst zu befragen, schliesslich sass er recht exponiert ganz alleine in der obersten Sitzreihe des Raumes.

Schlussendlich, nach einer guten Stunde des Wartens, kam dann ein Mann vom Wachschutz, der von den mittlerweile höchst skeptischen Gästen in der Reihe hinter mir sofort als “nur ein Mann vom Sicherheitsdienst” erkannt wurde, es jedoch, nach der obligatorischen Suche nach dem richtigen Schalter, schaffte, Leinwand und Saallicht zu einer harmonischen Kooperation zu verhelfen. Die Vorführung konnte beginnen. Der halb erleichterte, halb kritische Zuschauer musste nun eine weitere Stunde Drama über sich ergehen lassen, dessen Genuss auf den Theaterrängen zwar katharsisch, sich im Hörsaal, mit close-ups auf Leinwand jedoch fatal auswirkte. Thomas Ostermeier wusste sich nicht besser zu helfen, als die Wirkung seiner eigenen Produktionen hernach als “depressiv” zu beschreiben. Clearly, dieser Podiums-Diskussion war der Saft genommen worden, ihre Teilnehmer sassen etwas entkräftet auf ihren Stühlen, und auch die Besucher im Saal rangen um die nötige Motivation zur Aufmerksamkeit. Ostermeier redete, die Augen schräg rechts zur Decke.

Er hatte dabei auch interessante Dinge zu sagen, grösstenteils bewegten sich seine Ausführungen leider in genau dem sinnleeren Raum, in den sich die Zuschauer nach den Videoeinblendungen versetzt sahen. Dass er heutzutage solche Stücke nicht noch einmal machen würde, konnte zum Verständnis der gezeigten Partien nicht beitragen, und auch die Fragen der Podiumsteilnehmer, die teilweise keine seiner Aufführungen selbst gesehen hatten, schafften es nicht, diesem koketten Ostermeier Wertvolles zu entlocken. Zwar blieb der Mann ruhig, sachlich und im Englischen standhaft, jedoch musste er sich gelegentlich mit Passagen wie etwa “Let’s talk about sex” behelfen. Das große Problem einer jeden Podiumsdiskussion, nämlich dass viel geschwiegen wird (von den meisten Teilnehmern), war auch hier offenbar. Unglücklicherweise war vieles vom Gesagten von einer nebensächlichen Qualität und drehte sich mehr um die Vita Ostermeiers als um den Hintergrund seiner interessante Werke.