Welchen Gerichtsgang stellt das Pamphlet des Ansgar Heveling beim Handelsblatt dar? Ist es ein süsser Nachtisch? Ist es ein amuse-gueule? Oder ist es das Hauptgericht eines bisher unauffälligen Abgeordneten aus einer eher ruhigen Provinz des Landes? Sein politisches Hauptstatement, sozusagen, das der Einfachheit halber bei einem mittelmässigen Onlineblatt publiziert wird, justament also dort, wo sich die von ihm Angegriffenen tummeln? Ist der Beitrag einfach nur ein Aperitif? Oder ein after-dinner-drink? Gehen wir in den Text:

Zunächst zitiert Heveling das Theoriegebäude von Huntington. “Clash of civilisations” ist ein dankbarer, Erwartungen anfeuernder Begriff. Mit Huntington kann jeder Streit legitimiert werden: Wir sind ein Volk, und ihr seid ein anderes. Just diese Positionierung wird von Heveling aber nur halbgar durchgehalten: Der offenbar konventionelle Politiker (Altgriechisch, Bund, Jura, Einstieg in der Kanzlei eines Bekannten (?), MdB) will zwar durchscheinen lassen, dass er etwas vom Kulturgut der Neuzeit-Avantgarde versteht (Verweise auf Pacman, Herr der Ringe, “0” und “1”, Kenntnis über Wikipedias Protest in den USA), mithin in der Lage ist, ihre Perspektive einzunehmen. Letztendlich fährt er aber schwache Geschütze auf, um sich gegen die Piratenmentalität in Stellung zu bringen: Verweis natürlich auf Paris 1789 (das Urheberrecht hätte es auch getan), Goethe, Bibel, Marx (will heissen: sattelfest in Kunst, Religion, Kapitalismuskritik). Und spätestens im zweitletzten Abschnitt macht er das schwerwiegende Eingeständnis an den Feind, dass er oder seine Referenten für diesen Text ebenfalls bei Wiki und Google herumgeklickt haben. Was für ein Patzer!

Was möchte dieser Herr vom Klassenfeind Pirat? Ist es eine Abrechnung mit einer diffusen Wertezerstörgruppe, der Piraten, Apple-freelancer in Mitte und Piratebay-Nutzer angehören? Ist es eine Reaktion auf den Rücktritt der autistischen “Front”-Piratin Marina Weisband, die dem öffentlichen Druck der Politcastingshow, die sie selbst ins Leben gerufen hatte, nicht mehr standhielt? Das Geschäftsmodell, ein gläsernes Leben als Politiker zu führen, kann jeder halbwegs vernünftige Mensch nach einem durchschnittlichen Hintergrundbericht als Show entlarven, und die Menschen, die sich dieser Show hingeben, als das erkennen, was sie sind: Nicht Repräsentanten, sondern Selbstdarsteller. Meinte Herr Heveling dies? Musste er dazu extra eine Email ans Handelsblatt schreiben?

Wieso klingt er so alarmiert? Wie kommt er darauf, dass die wahlberechtigte Bevölkerung Deutschlands den Piraten “die Gestaltung der Zukunft” überlassen würde? Und warum muss er den Untergang der vermeintlich paradiesischen Gegenwart in diesen Öko-Fantasy-Regenwald-Bildern malen? Ganz grundsätzlich gesehen spielen die Piraten und ihre Motionen, selbst wenn sie in Amerika als das dicke Ding gehandelt werden, nicht einmal zweite Geige. Gerade geht es aussen darum, dass in völliger Ahnungslosigkeit Länder und Währungen gerettet werden, im Inneren wiederum ist das Staatsoberhaupt, das von einer CDU-Bundeskanzlerin ins Amt gehievt wurde, totalem Beschuss ausgesetzt. Will Herr Heveling etwa davon ablenken? Die Aufmerksamkeit der Blogger binden, bevor sie weiter Grundbucheinträge und Partyabhörprotokolle durchforsten?

Die Reaktionen auf den Beitrag waren wie erwartet. Nur einer hat sich in einer kühlen, schönen Schreibe dem Autor auf eine Weise genähert, die beinahe als entkleidend beschrieben werden muss. Chapeau dafür.