Ein Prachtstück für die Serie “Mongay” im Kino International. Der Film hat soviel Homopotential, dass es droht, aus den sorgsam verkitteten Fugen und Ritzen im Set und in der Maske der Schauspieler einfach herauszulaufen. Gleichzeitig ist “J. Edgar” ein kostümorgiastischer Film voller Zimmer im Halbdunkel, mit gutgekleideten Männern mit Hut und Pistole und mit einem Plot, dessen Länge in der Größenordnung von Äonen liegt. Der elfische Filmkritiker des sinkenden Feuilleton-Schiffes der F.A.Z. ist nicht schwer neidisch, wenn er als zentrales Charakteristikum von J. Edgar die Forderung an seinen Partner und Untergebenen Clyde Tolson ausmacht, “nie ein gemeinsames Mittag- oder Abendessen auszulassen”. Klar, so einen Chef wünscht man sich wohl selbst in der Berliner Redaktion. Die Inthronierung von J. Edgar Hoover ins Direktorenamt des späteren FBI sowie die Ernennung von Tolson als dessen rechte Hand haben aber viel gemeinsam, sie werden von kritischen und undurchschaubaren Männern ausgesprochen und von kritischen und engagierten Männern angenommen. Hoovers Auftritt im Büro des Attorney General Harlan Fiske Stone lebt in den Anekdoten und in den fiktiven Memoiren, die Hoover im Film diktiert, weiter: Denn der damals 29jährige ereiferte sich vor seinem Vorgesetzten derart über die mangelhaften Umstände im damaligen Bureau of Investigation, dass jener ihm gönnerhaft klarmachen musste, wer der Boss ist: “Lower the treble, son, you didn’t call this meeting, I did. Have a seat.” Stones Einstellung zum miefigen Untergrundgeruch der Fahndungseinrichtung ist ambivalent und schwer zu deuten, als er jedoch Hoover gerade aufgrund dieses von ihm selbst gestreuten Gestanks zum Vorsitzenden ernennt, willigt der mit einem starken, letztendlich aber unterwürfigen Zugeständnis ein. Ganz ähnlich passiert es später auch mit Tolson, der von dem obercharmanten Armie Hammer gespielt wird. Hammers Figur hat den süffisanten Akzent einer Person, die sich selbst sehr schätzt, es aber noch mehr mag, wenn andere sie schätzen. Dieser selbstverliebte Schnösel steht also eines Tages in Hoovers Büro, nachdem der, von Tolsons wohlsitzenden, massgeschneiderten Anzügen angetan, ihn höchstselbst als Bewerber vorgeladen hatte. Tolson steht – und trifft Hoover damit an seiner empfindlichen Stelle, denn der hatte kurz zuvor veranlasst, dass sein Schreibtisch auf ein Podest gestellt werden sollte, so dass niemals ein Besucher ihn überragen würde. Nachdem die beiden Männer einander gemessen haben – Hoover: machtgierig, gern im Scheinwerferlicht, paranoid, verängstigt; Tolson: gern der Zuarbeiter, schlank, groß, viel Menschenkenntnis – kommen sie zu der bereits erwähnten Übereinkunft.

“J. Edgar” ist nicht nur aufgrund dieser beiden Männer interessant. Zwar dreht sich die Geschichte ausschliesslich um sie, Eastwoods Bilder entwerfen aber ein insgesamt tolles Panorama von der Zeit in Washington von 1920 bis 1970. Der mehrmals wiederkehrende Antrittsbesuch beim neu gewählten Präsidenten ist ein Spiessrutenlauf, den Hoover immer besser zu meistern versteht. Indem er, bevor er das Präsidentenbüro betritt, noch einmal kurz vor dem Gemälde von George Washington stehenbleibt, ist klar, wem seine undurchschaubare Loyalität in erster Linie gilt. Der Film lebt von diesen kleinen Hinweisen. Andere Tendenzen werden dicker aufgetragen. Am stärksten ist der Film, wenn Hoover vor dem Kongressausschuss die Aufrüstung seines FBIs legitimiert. Seine kraftvolle, krampfhafte Sprache erinnert dann an Daniel Day-Lewis in “There will be blood”, wie er vor einer kleinen Dorfgemeinschaft in der Nähe der frontier mit Hut und Schnurrbart seine Ölbohrpläne verkündet: Mit einer von Pioniergeist und Habgier gleichermassen gezeichneten, gehetzten Ausdrucksweise. Etwas geschliffener drückt sich Hoover aus. Sein uneingeschränkter Elan bringt ihn dennoch ganz nach oben und auch ganz nach aussen, dorthin, wo ihn niemand mehr versteht und von wo aus er niemandem mehr trauen kann, wie er Tolson gegen Ende ihrer beiden Leben offenbart. Als Zuschauer kann man diesem Mann aber folgen, und darin liegt die größte Stärke von “J. Edgar”: Man kann sich vollständig mit dem unscheinbaren Aufsteiger identifizieren und ist doch bei vielen Gelegenheiten von dessen Härte und Verruchtheit erschüttert. Uneingschränkte Empfehlung.

So hat er sich selbst gern gesehen, und so sehen wir die Agenten des FBI am liebsten: Mit Fernglas und zwei Vans voller bewaffneter Kumpels, direkt hinter der nächsten Ecke. Der Zugriff lauert überall, auch im Kino der dreissiger Jahre, wo Hoover im Vorspann zu staatsbürgerlicher Raison aufruft, nur um wenig später in den Gangster-Filmen von Hollywood als maschinengewehrbewehrter Türbrecher aufzutreten.