Dann, endlich, die große Müdigkeit. Rechtzeitig in MEZ und pünktlich vier Tage nach dem Jahreswechsel. Wir stiefelten noch um einige zugewachsene Güterwaggons herum und sahen uns Freskenkopien und Gipsreplikas von Kirchenportalen an, dann fielen wir ermattet in die weichen Kissen. Das Wetter und der ständige Temperaturwechsel heiss (drinnen)-kalt (draussen) hatten schlussendlich den längeren Atem. Wir knickten ein.

Im Taxi zum Flughafen ließen wir die platte Landschaft an uns vorbeirauschen und gaben uns ganz der unerwarteten Müdigkeit hin. Einnicken. Nichts denken. Die Plattenbauten gingen zu Ende, ein Stück Autobahn, die Kontrollleuchte für die Glühkerzen flackerten rhythmisch zum Takt der Straßenmarkierungen, über die wir hinwegzogen. Felder. Regenwolkenschwer legte sich die Dämmerung über das Flugfeld.

Die Passagiere entsprachen ganz der gewohnten Mischung. Bildhübsche Frauen in den Dreissigern mit leichtem Gepäck. Korrekt gekleidete Rimowa-Besitzer, die ihre royalblauen Diplomatenpässe locker in der Cordhosentasche trugen. Smarter Mantelmann in Existenzialistenschwarz, der Plastikköcher mit den neuesten Zeichenentwürfen in A1 Format an der Schulter. Und dann ich, gähnend. Den Parka auf dem Metallsitz neben mir drapiert, die Tasche mit der schweren Kamera unter dem Arm, der Zeigefinger der rechten Hand zwischen den Buchseiten 258 und 259.

Auf dem Weg über das Rollfeld ein atemnehmender, boeiger Sturm mit Regentropfenbeimischung. Der Wind rüttelte beim Start unserer Dash-8 die Kabine durch wie eine Orangensaftflasche. Der Flug war laut und unruhig, es wurde ungefragt Weisswein und Cognac ausgeschenkt. Kreisen über dem Neusiedler See, an dessen Ufer die orangen Lichter der Sturmwarnungen hektisch rotierten. Am Boden Transfer zum AAS Shuttle, der Existenzialist entschwand mitsamt des wehenden Mantels in die Dunkelheit auf dem Rollfeld, wo irgendwo eine dringende Limousine für die bereitstehende Lufthansa nach Tel Aviv wartete. Ich war jetzt hellwach.

Scheinbar stundenlang standen wir am Rand der einzig operierten Startbahn, in der Schwärze links über uns hingen die Lichter der Frontscheinwerfer ankommender Maschinen wie Perlen auf einer Kette. Irgendwann drückte sich der Airbus in eine Verkehrslücke und hob ohne große Anstalten ab. Gedanken an die bequemen Sessel im Aeroclub an der Uzun Mirkova. Das Ehepaar Kleinod neben mir ging zum Bier über, das Gespräch kam auf ihre ältere Schwester, die in einer Seitenstraße im Stadtteil Zemun lebte. Frau Kleinod hatte den Weihnachtsmarkt auf dem Platz der Republik nicht ein einziges Mal zu Gesicht bekommen. Vertraulich und etwas kokett legte sie die Hand auf meinen Oberschenkel, als es um die berufliche Planung ging und darum, welche Rolle der Vizepräsident der TU dabei spielen könnte, mit dem sie befreundet war. Die Diplomaten beendeten ihr warmes Mahl eine Reihe vor uns, Business Class. Der Blick aus dem Fenster: Schneetreiben, wir schwebten niedrig über orangenen Boulevards. Der Pilot riss die Maschine mehrmals nach oben und zur Seite. Es könnte eine schwierige Landung werden.