Waehrend Voikan seinen Toyota durch den dichten Feierabendverkehr hindurchmanoeverierte, beobachtete ich die Fussgaenger und die anderen Autofahrer, neben denen wir fuer Sekunden zum Stehen kamen. Warum, so dachte ich, hatten wir im Tachobereich zwischen 60 und 80 km/h, inmitten von Trams, Bussen, halbgar reparierten YUGO-Modellen und schwarzen S-Klassen am intensivsten das Gefuehl, mit dem Belgrad um uns herum zu verschmelzen? Warum, so dachte ich, suchten wir uns nur die wagemutigsten Taxifahrer aus, benutzten die heruntergekommensten Fahrstuehle, sassen in den schaebigsten Jazzkneipen in verlassenen Industrieetagen und flaetzten davor in royalen Sesseln mit Brokatbezug in einem Restauranttal barocken Ueberschwanges? Unsere Gier nach Abwechslung und Extreme konkurrierte hart mit der Lust, einfach im sauna-temperierten Wohnzimmer fuenf Altbaustockwerke ueber dem Verkehr herumzuliegen und zum Beipiel in einer alten Ausgabe von ‘Alexis Sorbas’ zu schmoekern. Unweigerlich war mir auch wieder Krachts fernoestlicher ‘Gelber Bleistift’ in die Haende gefallen.

“Aber wir fuhren nun einmal mit dem Eastern & Oriental Express, der mit der Realitaet nun ueberhaupt nichts mehr zu tun hat. Wir fuhren mit diesem Unding durch die Nacht, der uns scheibchenweise Asien vorfuehrte, fein portioniert in zugfenstergrosse Ausschnitte. Und wenn man nicht hinaussehen wollte, dann sah man eben wieder in die Vogue.”

Diese dekadente und unaufgeregte Sichtweise ist mir anfangs befremdlich gewesen, wo ich doch mit aller Macht von zu Hause wegstrebte und in der Fremde um jeden Preis dem Erleben und Erkennen nachspuerte. Nach einigen Tagen in den Cafes, Restaurants und in den Strassen von Belgrad kam eine gleichgueltige Hingabe aber wie von selbst. Das barocke Interieur von Little Bay, die starken Gerichte und die zuechtige Managerin waren Gewohnheit geworden, die Sauna hoch ueber den Strassen und Parks war eine Besenkammer. Ich blickte zurueck in die Zeitung. “A Year to forget”, stand dort im Jahresrueckblick ueber Albanien.