Was macht man, wenn vor dem Fenster der Regen, mit Schneeflocken vermischt, vorbeizieht, dann und wann auch eine S-Bahn zu hören ist, wenn um einen herum die Leute in die Tasten hauen, aber eine konzentrierte Atmosphäre herrscht (man wird schliesslich von deckenhohen Bücherwänden argwöhnisch beobachtet), wenn es draussen nass ist und beständig dunkel (ausser in diesen Stunden, die sich Morgen schimpfen) und wenn man irgendwie auf Weihnachten und den Jahreswechsel wartet, aber auch gar nicht in der Stimmung dazu ist? Wenn überall Zahlenkolonnen auf einen herunterkommen, die man sortieren, sorgfältig nachprüfen, zuordnen und einfügen muss?
 Richtig, dann geht man los und beschafft sich Lektüre. Und einmal nicht für sich selber. Denn bald ist Weihnachtsfeier (die zweite dieses Jahr), und demjenigen, für den man all diese Zahlenzeilen tippt, der wird sich schön bedanken, wenn man auf seine Einladung hin in der Oper und im Restaurant nur mit einem artigen “Ich danke dir” aufwarten kann.
 Also stehe ich wieder im Dussmann. Zuletzt habe ich hier den drei Kilo schweren Kinski-Bildband herausgetragen, der zu seinem 20. Todestag erschienen ist. Jetzt stehe ich vor Jergovic, Kadare und Büscher und weiss nicht recht, welcher grandiose Klassiker es denn für ihn sein soll. Reiseliteratur? Deutsche Ostsehnsuchten? Oder doch südlich, Kriegsliteratur? Oder osmanisch-ironische Matschstories? Etwa einen Kracht, vielleicht “Ferien für immer”, denn das wünsche ich mir schliesslich auch? Ist das eine gute, letzte Fußnote unter meine lakonische Forschungsnovelle, oder ist es doch zu leicht für ihn? Etwas bildungskritisches, amerikanische Philosophie vielleicht?
 Deutsche Literatur könnte ja auch mal wieder sein, aber wen kann man da noch lesen? Ich gehe in Gedanken noch einmal mein Literaturjahr durch. Bloss nicht an die Empfehlungen der Redaktionen denken. Ich schliesse die Augen. Vor dem inneren Auge kommen wieder die Zahlen herunter, legen sich auf das schwarz-rot meiner Lider. Ich höre auf das Lied der Nummern. Lausche, was es mir sagen will.