Pierre nötigte mich zu einem Gespräch und erzählte mir, dass er bis heute nicht wisse, wem er aufs Maul hauen sollte. Es war nur klar, dass es passieren müsste.

Wer so etwas schreibt, der hat es offensichtlich verstanden. Im Post-heroischen Zeitalter ist die Erinnerung an die Aktion, an die Gewalthandlung und den Widerstand noch da, aber die Umsetzung ist uns unmöglich geworden. In unseren Freihandelszonen, von NATO und der UNESCO scharf bewacht, sind wir zu unfreiwilligen Friedensaktivisten geworden, kleinen, schwächlichen Abziehbildern. Wir würden gern jemandem eine reinhauen, wissen aber nicht mehr warum und wem genau wir es besorgen sollen. Wir bestellen erstmal noch ein Bier.

Seine französische Urgroßmutter hatte sich Mitte 1940 mit einem einfachen Soldaten der Wehrmacht eingelassen, fuhr Pierre fort, kniete sich vor mich, zog ein sorgfältig gefaltetes Stofftaschentuch aus seiner Tasche und rieb damit in meinem Schritt.

Das Mittel der Wahl: Kontext- und Zeitsprünge, die Nachahmung des Aktes. Die sorgfältig gefalteten Taschentücher sind immer eine Reverenz an Herta Müller, auch wenn einige Menschen das jetzt nicht gerne lesen. «HAST DU EIN TASCHENTUCH, fragte die Mutter jeden Morgen am Haustor, bevor ich auf die Straße ging. Ich hatte keines. Und weil ich keines hatte, ging ich noch mal ins Zimmer zurück und nahm mir ein Taschentuch. Ich hatte jeden Morgen keines, weil ich jeden Morgen auf die Frage wartete. Das Taschentuch war der Beweis, dass die Mutter mich am Morgen behütet.» – so Herta Müller in ihrer Nobelvorlesung im Dezember 2009. Und weiter: «Ich wünsche mir, ich könnte einen Satz sagen, für alle, denen man in Diktaturen alle Tage, bis heute, die Würde nimmt – und sei es ein Satz mit dem Wort Taschentuch. Und sei es die Frage: HABT IHR EIN TASCHENTUCH?»

„Und so trifft sich die Welt auf den Ochseninseln“, sprach er verkündend und zerrte mich vom tanzenden Pulk weg. „Komm mit, ich zeig dir was“, fuhr er fort und zeigte mit seinem Arm ausbreitend in die Nacht.

Zuletzt kommt Kracht. Das muss natürlich sein. Kein einsamer Schriftsteller hat das Ende der Welt und der eigenen Bedeutungslosigkeit besser auf die Seiten gebracht als dieser blonde, kleine, feiste Mensch. «Bald sind wir in der Mitte des Sees. Schon bald.» – so endet sein Erstling “Faserland”. Im Internet echot es:

Wir kamen zum Wasser, etwas abgelegen und ich sah ein Boot mit zwei Paddeln. Warum auch immer, aber ich war unfähig, ihm zu sagen, dass ich ihn für einen abgedrehten Spinner hielt. Aber es war unangebracht. Die Insel war zu klein für Heldenmut, die Musik zu gut, die Drinks zu flüssig und die Einsamkeit zu zweit.


Bild: Amy Shackleton via butdoesitfloat

Geschichte: Pierre & Ø von Bisaz