Ich muss nicht in den “Gott des Gemetzels”, es gibt wichtigeres im Kino zu sehen. Den neuen Cronenberg zum Beispiel, ein ganz ausgezeichneter Film von großer Feinheit und untypisch für den Regisseur, der sonst gerne an der Schnittstelle zwischen Körperinnenraum und -aussenhaut operiert. Für einmal ist auch die Kombination Mortensen/Cassel erträglich. Viggo Mortensen spielt einen sehr eleganten und ironischen Freud, Vincent Cassel hat einen kurzen Auftritt als Dr. Otto Gross, ein Kranker, der es sich im Sanatoriumsland rund um Zürich (und mit den Spitalschwestern) gemütlich macht. Gross’ Einfluss auf das beginnende 20. Jahrhundert und auf Freud wird eher angedeutet als aufgezeichnet. Gross war ein früher Verfechter von freier Liebe und den Drogen sehr zugetan. Er war ein wichtiger Gast in der Künstlerkolonie auf dem Monte Vérita.

Filmisch hat der “Gott des Gemetzels” dagegen wenig zu bieten. Die vier Darsteller im Zentrum wetteifern wohl um den Schauspieler-Oscar, und wirklich heimisch sind solche Kammerspiele doch nur dort, wo sie auch herkommmen: im Theater. Im Dezember 2006 wurde das Stück in Zürich uraufgeführt, Jürgen Gosch inszenierte am Schauspielhaus. Wir waren mit unseren Studentenkarten natürlich ein bisschen spät gekommen und wurden aus diesem Grund nicht ins Parkett geleitet, wo alle schon sassen, sondern in eine Seitenloge gebeten, die wir ganz für uns hatten. Ich werde die donnernde, gequälte Stimme der Schauspielerin nie vergessen, wie sie sich in Rage redete, erst gegen das andere Ehepaar, dann gegen ihren eigenen Mann. Die wild um sich spuckende Bestie kotzte später über das Couchtisch-Arrangement, auf dem vorsichtig zur Schau gestellt einige Kunstbücher lagen. So etwas braucht man sich nicht nochmal im Kino ansehen.