Während meiner Zeit in Asien habe ich ein traveller magazine entdeckt, das ganz frisch und unkonventionell daherkam. Im Jahre 2005 waren Kambodscha, Vietnam und Thailand nicht gerade unentdecktes Terrain, aber zumindest gingen die Rucksacktouristen damals noch ins Internetcafé und brachten nicht gleich ihren gesamten elektronischen Hausstand mit. Emails existierten bereits. Auch ich verbrachte einige Stunden pro Woche in einem der günstigen Netzzugangspunkte, wo ich über andere Reisenden recherchierte, meine eigenen Geschichten festhielt und nach Inspiration suchte. Südostasien war kein guter Ort für Technik-Exilanten. Auch die Liebhaber von gutem Geschmack mussten viel Zeit in Informationsbeschaffung investieren und lange Anfahrtswege in Kauf nehmen, um an die berühmten unberührten Strände mit exotischen Restaurants zu gelangen oder in Subkulturen vorzustossen, die einem etwas anderes boten als die Konsum-Massenware für den durchschnittlichen Sextouristen oder Manager im Aussendienst

Ein besonderes Juwel in dieser Hinsicht war “Farang”, ein Heft, das sich dem untamed travel widmete. “Farang” bedeutet in Thai soviel wie “Fremder”. In einigen Absteigen konnte man Farang-Ausgaben noch in print-Form finden, so etwa in einem Hostel, das von einer dänischen Organisation betrieben wurde. In den Zimmern roch es ziemlich streng, aber wenn man seinen Pass an der Rezeption hinterlegte, konnte man für umsonst auf dem Dach des Hochhauses pennen, unter Wellblechplatten, in Hängematten, mit anderen Reisenden und einer schönen Aussicht über Bangkok.

Dort las ich meine erste Kolumne von Karen Findley, einer Frau mit unauffälligem Tarnnamen, von unbekannter Herkunft und Äusserem. Sie setzte dem grundsätzlich maskulin besetzten Bild, das man von Thailand hat, einiges entgegen. In dem Land, in dem Familien matriarchalisch organisiert sind, haben weibliche Besucher auf Durchreise zwar etwas von der Emanzipation der Frau im westlichen Raum mitabbekommen (sie reisen z.B. auch alleine). In erster Linie setzte sich die OB-bewehrte Damenschaft jedoch zusammen aus Engländerinnen/Amerikanerinnen/Australierinnen mit Bachelorabschluss in einem PR-Fach, Japanerinnen (im Duo) auf der Flucht vor der starren Gesellschaft auf Honshu sowie einigen wenigen Europäerinnen, denen man die Freimütigkeit in Bezug auf Drogen und horizontalen Tätigkeiten recht einfach ansehen konnte. Diese Species lümmelten also in den Kissenlandschaften der Strandrestaurants herum, wo sie auf ihre Surferboys warteten, oder zankten sich in einem der vielen Reisebüros mit den Angestellten, weil sie auf eine besonders komplizierte oder günstige Weise mit der Nachtfähre und dem Bus in das Kaff auf der anderen Seite des Landes gelangen wollten. Nur um im letzten Augenblick abzubrechen und sich (weil es unterdessen Abend geworden ist) in einer der Bars zu setzen, einen Drink zu zischen und auf einen der Surferboys zu warten. Kurzum: Mit der öffentlichen Meinung über die ausländischen Frauen in Thailand stand es nicht zum Besten.

Karen Findley war anders, und so originell war das Netz damals noch nicht, dass es Männer gegeben hätte, die unter Frauennamen schrieben. Karen Findley klang echt, und sie war im Thailand der damaligen Zeit (wir erinnern uns: Tsunami, Dezember 2004) eine einzigartige Erscheinung. Sie hatte die Konkurrenz auf der anderen Seite des Raumes stets gut im Blick:

You’ve spotted a hot one across the bar and caught his eye. He’s smiled back but he’s now playing it cool, his eyes darting back and forth, checking out the crowd. Some Western women might just toss their hair, spin around, and cooly state, “Well, if he won’t come right over to me, I’ve got no time for him anyway”. Please.

Despite your dishonourable intentions, this boy is either clueless or not ready to commit quite yet. He’s still got wandering eyes. What’s the problem? Quite simply, this is Thailand and he thinks he’s in a candy store. No matter how hot you may be, you are up against some stiff local competition, ranging from seemingly wholesome university students to stunning “professionals” – ladies and ladyboys alike.

Im Internet fand ich schliesslich auch die gesammelten Kolumnen von ihr, Texte voller Sarkasmus, auf die man heute (nachdem die Zeitschrift 2007 dichtgemacht hat) nur noch via archive.org zugreifen kann. Meine Lieblingsgeschichte behandelt just das vom Tsunami angeknackste Bild einer idealen Urlaubsdestination, paradiesgleich, in der man sich ungehemmt ausleben kann, gerne auch in sexueller/imperialistischer Hinsicht. Mein Eindruck war es ja, dass durch die Zerstörungen, die das Wasser in den Uferzonen angerichtet hat, und die dadurch entstandenen Bilder, die im Fernsehen übertragen wurden, sich viele Leute wieder Gedanken gemacht haben darüber, was in diesen Uferzonen eigentlich alles so abgeht. Natürlich war das nur ein kurzzeitiges Phänomen. Weniger als sechs Monate später waren die Strände halbwegs aufgeräumt und selbst die kleinsten exponierten Dörfer in einem Zustand von ordentlicher Wiederentwicklung. Durch die Holzbungalow-Ruinenlandschaften etwa auf Koh Phi Phi gab es geführte (und teure) Tsunami-Tours.

Durch diese Gebäudereste muss auch Karen Findley gestakt sein, dachte ich mir, als ich mit etwa zehn anderen Menschen die wassergemachte Einöde ablief. Das einzige, was ihr dabei in den Sinn kam, war Folgendes:

From behind my tears and through the fingers of the hands I had covering my face in horror as I watched the footage of the tsunami and its immediate aftermath on the news, I found myself, horror of horrors, checking out a survivor helping carry a stretcher on Phi Phi and thinking, “I’d do him”.