Thomas Ostermaier arbeitet an der Schaubühne die Elemente ab. War es in Hamlet noch die Erde, so ist es nun das Wasser. Die Bühne ist eine Wassertafel, rostrot, in der die Protagonisten herumwaten, ihre Bewegungen werden schwerfällig und jeder Ausrutscher ist eine gesellschaftliche Entblössung, angefüllt mit Scham bis obenhin sind die Figuren, aber sie kämpfen tapfer. Die Zeit ist Italien, 1565, die Musik der Liveband anmutig mediterran, die Wärme im Raum tropisch, das Stück ist Othello.


Das Wasser lässt alle Figuren durchscheinend werden, sie werden geradezu porös. Das Wasser ist aber nicht reinigend, wie die Anfangsszene eindrucksvoll beweist: Nach einem musikalischen Prolog entblösst sich Othello (der stocky Sebastian Nakajew) und stellt sich in die Mitte der Bühne, in Wasserreflektionen und projezierte Muster getaucht. Hinter ihn tritt Desdemona (zunächst noch bekleidet: Eva Meckbach), greift nach unten ins Wasser und betastet seinen Torso mit ihren feinen Händen, die schwarze Spuren hinterlassen. Die Schwärzung von Othello ist eine Reminiszenz an seine Körperfarbe, er ist ein “Mohr”. Später, eine Hochzeitsliebesnacht später, wird er in komplett brauner Maske wieder auf der Bühne auftauchen. Er ist stocky, verstockt und wirkt kleingeistig, und es ist berauschend zu sehen, wie er vom subtilen Iago (Stefan Stern) bequatscht wird, der ihm die Eifersucht einpflanzt und ihn in einen rasenden Bullen verwandelt.

Unser Körper ist unser Gemüsegarten, und unser Wille ist darin der Gärtner; und ob wir jetzt Steckrüben und Sellerie anpflanzen oder Sauerampfer und Taubnessel züchten; ob wir’s mit einer Pflanze bewenden lassen oder uns viele Pflänzchen ranholen – ob wir ihn aus Faulheit brachliegen lassen oder mit Fleiß beackern -, na, die Macht dazu und die gestaltende Kraft haben wir in unserm freien Willen. (Iago: I, 3)

Iago ist der Dreh- und Angelpunkt dieser grossartigen Inszenierung, er schwappt durch das Spiel wie das Wasser, das mal höher und mal niedriger steht, in dem sich die Schauspieler baden und das Solaris-artig stumm ihre Morde und Verrate miterträgt. Der Schauspieler Stern hat Eidinger-Anleihen, wie er über die Bühne wütet, wie er keift und unterdrückt leidend sich noch behauptet. Man zittert mit den Unschuldigen, intrigiert mit den Schuldigen. Uneingeschränkte Empfehlung.