Ich nippe kurz am Kaffee, begutachte die Leute im Restaurant, werfe der Kellnerin einen Blick zu – dann vertiefe ich mich wieder in meine Seiten. Es ist eine Sehnsuchts-Lektüre und ein Sehnsuchts-Ort, an dem ich mich ihr widme. «Solaris» von LEM, wie es auf dem Umschlag steht, kein Vorname, keine Beschreibung, sondern ein puristisches, silber-schwarz-rosa-farbenes Etwas, in dem die vertraute Geschichte steckt, die der Pole 1968 in die Welt geschleudert hat. Solaris wird immer als eine philosophische Science-Fiction-Geschichte gehandelt, aber deswegen lese ich sie nicht. Es ist die Sprache, weswegen ich immer zu diesem Buch zurückkehre:

Es fehlte nicht an Versuchen, irgendein leichtfaßliches Modell der Symmetriade zu ersinnen, sie zu veranschaulichen; ziemlich eingebürgert hat sich die Illustration Awerians, der die Sache folgendermaßen darbot: Stellen wir uns ein irdisches uraltes Bauwerk aus der Glanzzeit Babylons vor; es sei aus lebender, reizempfänglicher und evolvierender Substanz hergestellt; seine Architekturkomposition durchläuft nun kontinuierlich die Reihen von Übergangsphasen, nimmt vor unseren Augen die Formen griechischer Baukunst an, romanischer, dann werden die Säulen schlank wie Halme, das Gewölbe verliert sein Gewicht, verflüchtigt sich, spitzt sich zu, die Bögen gehen in steile Parabeln über, brechen sich endlich beim Hochstreben. Die so entstandene Gotik beginnt zu reifen und zu altern, fließt in die Spätformen hinüber; an die Stelle der bisherigen Strenge steilen Hochreckens, Aufschwingens, treten Eruptionen orgiastischer Üppigkeit, vor unseren Augen wuchert von Übermaß prächtiger Barock auf, und wenn wir diese Folge fortsetzen, indem wir unser wechselndes Gebilde die ganze Zeit wie die einzelnen Stadien einer lebendigen Existenz traktieren, dann gelangen wir endlich zur Architektur des Kosmodromzeitalters und nähern uns gleichzeitig – vielleicht – dem Verständnis, was eine Symmetriade ist. 

Die Sprache ist großartig und natürlich die Ideen, die glänzende Oberfläche des Planeten, die im Schein von zwei Sonnen schimmert. Die Verkorkstheit der Figuren, die in Wortlosigkeit miteinander ringen, und man ist dabei, ringt mit ihnen, spart sich Lüge um Lüge vom Munde ab, nur um zuletzt ein paar Punkte, ein Komma, Fragezeichen und dazwischen verlorene Wörter hervorzubringen: „Und du bist sicher, daß du nicht sie, sondern mich…?“ Ja was – „lieben“? Aber so sorgsam, wie in diesem Satz die wichtigen Worte umschifft werden, so behutsam werden die Positionen der Charaktere zueinander ausgelotet, in einer von Detailreichtum überquellenden Welt.