Oliver Maria Schmitt wird lauffaul. Der ehemalige Chefredakteur des dauer-absaufenden Titanic-Magazins wagte sich vor drei Jahren für eine F.A.Z.-Reportage extra auf die Frankfurter Buchmesse, und zwar (wir erinnern uns: Gastland 2008 war die Türkei) in der Verkleidung eines aufstrebenden, türkischen Starautors. “Ich bin dann mal Ertrugul”, so hiess der Bericht, in dem es darum ging, dass ebenjener kluge Mime aus dem Land, das in schriftstellerischer Hinsicht vor allem von Orhan Pamuk zehrt, zwei damalige Literaturerlebnisse als neuen Aufguss vereinen wollte, nämlich Kerkelings “Ich bin dann mal weg” sowie “Feuchtgebiete” von Charlotte Roche. Den Verlegern wollte der pseudo-Türke sein Mash-up unter dem Titel “Ich bin dann mal in der Nasszelle” andrehen. Dafür stürzte sich Ertrugul, also Schmitt, mitten in die Kampfzone, zu den Ständen in Halle 4.0 und 4.sowienoch, selbst auf den Abendempfang des Berliner Verlages im Frankfurter Hof. Die Buchidee wurde vom Cheflektor des dtv schnell als “Me-too”-Projekt enttarnt und auch andere Vertreter der Buchbranche waren nicht zimperlich, wenn es darum ging, dem vermeintlich innovativen Muselmann sein Vorhaben kleinzureden. Es war ein köstliches Stück verblendeter Literaturabmühung.

Auch für andere Zeitungen, diesmal in der Zeit höchstselbst, ging, ja wühlte sich der krampfhaft aufs Komische zielende Schmitt durch die Niederungen der deutschen Kulturebene. In “Ich hab noch Hunger in Berlin” von 2009 also erkundete er im Namen der Omnivoren die von den Feinschmeckern im Pankower Bezirksamt soeben als unverdaulich gebranntmarkten Imbissbetriebe in Prenzlauer Berg. Der Text liest sich wie ein Erlebnisbericht vom Dschungelkamp. Im Stadturwald, in dem sich jähe Siedlungen von Asiaten, Alt-Berlinern und Afrikanern bildeten, stapfte Oliver Maria Schmitt unverzagt von einem hygienischen Horror-Snackpoint zum nächsten und wurde, entgegen aller Erwartung und Beschreibung seitens der Schreibtisch-Michelins, eines Besseren belehrt. Es ist nur eine Berliner Unvermeidlichkeit, dass das von ihm beschriebene und nachverfolgte System der “Ekel-Liste”, in der Betriebe mit mangelnder Hygiene aufgeführt werden, nun landesweit (und bundesweit?) hochgefahren wird. Auf der Webseite finden sich Sentenzen, wie sie für Hauptstadtverhältnisse nicht typischer sein könnten: “Wahrscheinlich ab Januar 2012 wird die Hygiene-Punktezahl zusätzlich durch ein Symbol (Farbbalken oder Smiley – jenachdem, wozu sich die Politik entscheidet) dargestellt.”

So weit, so gut. Es ist verständlich, dass ein Autor nach solchen Strapazen lauffaul wird. Schmitt hat es sich aber nicht nehmen lassen, den Frankfurter Un-Buchbetrieb auch diesmal wieder heimzusuchen, aus der Ferne allerdings. Im Beitrag “Die Unmöglichkeit einer Insel” (auch FAZ) gebiert Schmitt einen komischen Literaturnobelpreisträger “Theodor (?) Laxness” (sic!), der sich mal so richtig über die blöden Insulaner auskotzt, das klingt vermittels indirekter Rede dann so: “Island sei so groß wie die ehemalige DDR und mindestens dreimal so tot. […] Ein Exodus finde indes nicht statt. Abhauen täten ja nur die Risikobereiten, die Könner, die Gebildeten – die es in Island naturgemäß nicht gebe.”

Eine fabelhafte Totalabrechnung mit einem bis über die Ohren langweiligen Land. Uneingeschränkte Leseempfehlung:

“Die Banken seien pleite, die Renten unsicher, als seriöse Einkommensquelle gelte das Hütchenspiel. Defraudanten und Hochstaplern errichte man Denkmäler. Die Kapitalströme würden um- und fehlgeleitet, abgezapft und trockengelegt. Das gestohlene Geld werde aus purer Lust verbrannt, die Asche auf dem Luftweg nach Europa geschickt.”