Am 12. März 1945 erfolgte ein schwerer Luftangriff auf Friedberg. Für den Morgen dieses Tages hatte Riecke den ihm unterstellten Volkssturm des Kreises zu einem Appell in die Musterschule aufgeboten.

Am 16. März wurde die Stufe 2 des Alarmplans »Gneisenau« aufgerufen. Zusammen mit Major Kremp befand sich Henrich gerade auf dem Standortübungsplatz, als der Kartenzeichner des Bataillons eintraf und keuchend vor Anstrengung das vorgesehene Stichwort »Alarmstufe 2 Gneisenau« überbrachte. “Herr Hauptmann”, habe er dann gestottert, so erinnert sich Henrich, “wir sind am A-A-A-rsch!”

“Mit diesem klassischen Zitat”, so erinnert sich Henrich, “begann meine Funktion als Kampfkommandant.”

Am Tag darauf bezog er den Gefechtsstand, den er nun kaum noch verlassen sollte. Der Bunker des Kampfkommandanten lag an der nordwestlichen Ecke der Burgmauer, sechs Meter tief unter gewachsenem Boden. Von dem Eingang zu ebener Erde führte eine steile, dunkle Treppe hinunter in den kleinen, viereckigen Raum, in dem gerade vier Betten und ein größerer Tisch für das Kartenmaterial und die zahlreichen Telefone Platz hatten.

Am 25. März notierte Karl Orth: “Der deutlichste Beweis für die ungünstige Entwicklung der Lage war der von Süden nach Norden sich auf allen Straßen bewegende starke Flüchtlingsstrom, gemischt aus abgerissenen und verwundeten Soldaten, die einen denkbar ungünstigen Eindruck machten, und aus Zivilpersonen jeglichen Alters, die mit ihrer auf allen möglichen Fahrzeugen verstreuten kümmerlichen Habe vom Gegner wegstrebten.”

Am 26. März traf Stabsarzt Dr. Walther Schäfer mit dem Auftrag in Friedberg ein, einen Verbandsplatz beim Kampfkommandanten einzurichten. Eine Krankenschwester und zehn Sanitätsdienstgrade standen ihm dabei zur Verfügung. Bataillonsarzt Dr. Steinmetz hatte sich krank gemeldet, als sich die militärische Lage zuspitzte, und sich offensichtlich der Kreisleitung bei der Flucht in den Vogelsberg angeschlossen.

Am 27. März notierte Orth: “Es kamen Gerüchte von Kämpfen in Frankfurt a.M., Offenbach und Hanau, der Main sei überschritten worden, ja sie sprechen vom Vordringen der Amerikaner bis Fulda.” Am selben Abend ergänzte er die Eintragung, denn dem Wehrmachtbericht zufolge stimmten die Gerüchte: “Aus dem Raum südlich von Frankfurt schiebt sich stärkerer Feind gegen den unteren Main vor. Offenbach ging nach schweren Straßenkämpfen verloren. Auch im Südteil Frankfurts wird gekämpft.”

Am 28. März gegen 13 Uhr meldete der auf dem Adolfsturm in der Burg stationierte Beobachter, zehn amerikanische Panzer seien vor dem Ossenheimer Wäldchen aufgefahren. Das Wäldchen lag etwa vier Kilometer vom Ortsausgang von Fauerbach, dem südöstlichsten Punkt der Verteidigungsstellungen um Friedberg, entfernt.

aus: Machtzerfall; Die letzten Tage des Dritten Reiches von Herfried Münkler, Europäische Verlagsanstalt, Hamburg 2005.

Der Adolfsturm in Friedberg, undatierte Postkarte.