Im Kino International am westlichen Ende der Karl-Marx-Allee war eine angemessene, aber unkonventionelle Premierenstimmung. “Melancholia” im Preview, die Zuschauerschaft wirkte wie die übriggebliebene Menschheit unter 30, nachdem sich die Älteren schon aus dem Kulturbetrieb verabschiedet hatten oder noch den Tag der deutschen Einheit begingen. Der schöne Saal war voll, an der Bar wurde nur verhalten getrunken, alle waren irgendwie aufgeregt.

Zehnminütige Ouverture, dazu Wagners Prelude aus Tristan & Isolde, eine Reihung von Bildern von der Erde und aus dem Weltraum, die wechselseitig in ein grelles Dämmerungslicht von zwei Monden und dann wieder in die klare, geheimnislose Sternenstrahlung getaucht sind. Eine Sequenz aus Traumbildern, jedes einzelne komponiert in einer verstörenden Langsamkeit. “Hier”, so denkt man, “ist die Kinokunst im Jahre 2011 angelangt. Nun hat sie es geschafft, mir Träume vorzuspielen, die ich sehen, aber nicht glauben kann.”

Man will die Bilder nicht enden lassen. Sie erzählen eine Geschichte, aber sie scheint in Zeitlupe und rückwärts abzulaufen. Wagners Streicher heizen einem ein, selten sass ich so angeschnallt im Kinositz. Es bleibt keine Zeit, an die Zeitungsreaktionen zu denken, die damals während des Festivals in Cannes brandeten, am Rande der von Trierschen Pressekonferenzzumüllung. Die Stimmen waren ja nun wirklich gegensätzlich, das habe ich mir nach dem Rausch im Kino, nach einem Durchatmen und einer heruntergekühlten Mopedfahrt nochmal angesehen: “Die Arroganz der Depressiven”, notiert die scharfsichtige Verena Lueken in der FAZ. In ihrer Kritik bleibt sie verzweifelt an den menschlichen Regungen hängen, die dieser Film zwischen der bilderstarken Einführung und dem bilderstarken Abgang in seiner Schloss-Geschichte darbietet. Deren “unterkühlte Schönheit” hinterlässt sie unbewegt. Solch eine unbewegte, zementierte Haltung lässt sich auch in “Melancholia” beobachten, aber dort fesselt sie, das ist auch kein Wunder, angesichts der kosmischen Endgültigkeit.

“Gott, wie sie starren konnte, während hinter ihr tote Singvögel aus dem Himmel fielen, unendlich langsam”, schwelgt Tobias Kniebe in der SZ noch Stunden nach seiner Erfahrung in der von-Trier-Optik, und er meint natürlich Kirsten Dunst, deren Gesicht zumindest zeitweise der eigentliche Hauptdarsteller ist. Um Dunst geht es in diesem Film und um Phänomene wie ihre Schwermütigkeit kreist die Handlung. Das Ende – noch nie hat ein Regisseur die Erde so lustvoll zerfetzt, und den Zuschauer indirekt damit auch – ist jenes Finale, das sich Menschen wie Justine (Dunst) insgeheim wünschen, ein Ende con flash, ein fremdbestimmtes Sterben mit allen anderen zusammen. In gewisser Weise gehört beim Sterben der Depressiven auch die Schadenfreude über die Vergeblichkeit des unermüdlichen Aufbäumens der gesunden Menschen dazu, was wiederum Lueken ganz treffsicher offengelegt hat: “Alles wird verschwinden, was strengt ihr euch noch an?”

Danach rauswanken, zur Besinnung kommen, nochmal hinsetzen, Wagner nachsummen. Auf einer unendlich langsamen Mopedfahrt nach Hause geht die Geschichte nochmal vorbei. Die Welt ist gerade untergegangen, und mit den aus dem Saal heraustaumelnden Gästen fühle ich mich wie die unlogischerweise doch Überlebenden. Ein unerhörtes Kinoerlebnis, das es in sich hat. Läuft ab 06.10.2011. Uneingeschränkte Empfehlung.
(Die FAZ hat nun auch eine Rezension online, die sehr wohlwollend ist.)