Ende August ist ein Artikel über Berlin in der Frankfurter Allgemeinen erschienen, der im Sturm der damals akuten Autobrandstiftungsberichterstattung leider untergegangen ist. Der Text von Mechthild Küpper diagnostiziert Berliner Defizite auf einer tieferen Ebene, als es vermeintlich weitsichtige Hauptstadt- und Kleinstadtjournalisten bisher getan haben, so etwa bei den Hauptthemen U-Bahnschlägereien und Kinderwagen- sowie Autobrandstiftung.

Küppers Artikel wirkt auf den ersten Blick wie eine Spätsommerloch-Gutenachtgeschichte, aber wer schon einige Jahre in Berlin lebt und sich, gerade angesichts der Wahlen, auch mal nach anständigem Bürgertum sehnt, der kann im Text von Frau Küpper Symptome der Gesellschaft erkennen, die jedem vernünftigen Bürger ein Dorn im Auge sein müssten und die dennoch, oder eben gerade deshalb, so fleissig kultiviert werden. Küpper, die schon einige Dekaden lang in Berlin lebt und politisch berichtet, spricht vor allem von Rücksichtslosigkeit. Im Freibad, in der Bahn, auf der Straße beim Müllliegenlassen, im Winter beim Schnee-nicht-wegräumen, in der Schulpolitik, bei der Demonstrationskultur, im Quartiersmanagment und natürlich in der Diskussion um den Dauerbrenner Mauer“park“. Der Individualisierungstrieb von Berlins Bewohnern hat, so Küpper, zu einer wegschauenden Toleranzhaltung geführt, die man, so meine Meinung, zu jeder Uhrzeit in einem beliebigen öffentlichen Verkehrsmittel in den Zonen A, B oder C (oder auch in der Universitätsbibliothek) reproduzieren kann. Küpper bindet wild Beispiele aus den genannten Bereichen aneinander (ist es der damals beginnenden Wahlkampfberichterstattung gschuldet?), die Kernaussage ist aber vorhanden, und zwar frei nach dem Bürgerrechtler Jens Reich: „Eine Bevölkerung, die sich wirklich schlecht benehmen will, ist kaum daran zu hindern.“

Zwar postulierte der Fraktionsvositzende der FDP, Christoph Meyer, im Fernseh“duell“ der Fünf-Parteien-Runde am 30.08.2011, das Rot-rot-Grüne Milieu bilde eine „Lebensstilintoleranz“ aus. Keine schlechte Idee, abgesehen von der phonetischen Nähe zur Laktose. Es ist tatsächlich so, dass diejenigen, die es gern schmutzig und miefig haben, den ordentlichen Menschen gerne noch extra die Suppe versalzen. Niemand soll hier spiessig leben können! Das ist eben auch Teil der Berliner Schnauze: wer hierherzieht, muss sich warm anziehen. Das Problem, das Meyer allerdings nichtmal in den Grundzügen erfasst hat, erstreckt sich aber auf mehr Menschen als auf jene 45 % der Wähler (Bteiligung 2011: 60 %), die für Rot, Linke oder Grüne gestimmt haben. Es gibt viele Menschen, die CDU- oder CSU-Stammwähler sind, aber es ganz angenehm finden, beim Müllwegwerfen oder Über-Rot-Laufen nicht von anderen Passanten, Polizisten oder Strassenkehrern angepflaumt zu werden, wie sie es in Passau, Stuttgart oder Köln stets erleben. Das ständige Pfandflaschenstehenlassen hat dazu geführt, dass immer mehr Flaschensammler die Müllkörbe gleich ganz aufschliessen, um aus dem Haufen Dreck, das dann den Fussweg ziert, ihr mageres Entgeld zu fischen.

Berlin ist für viele ein moralischer Urlaubsort. Hierher zieht sich zurück, wer in einem sozialen Naturzustand leben will, ohne zwischenmenschlichen Verpflichtungen anderen gegenüber und ohne diesen Mitmenschen Rechte einzuräumen. Die Einschreitungslethargie, die sich bei den Bewohnern (und Zugezogenen) einstellt angesichts der Masse dieser restriktionsfeindlichen Wilden, ist die typische Kapitulationshaltung eines bildervollen, aber fensterlosen Individuums: Wer dank der Medien und Freundschaften, die grösstenteils im virtuellen Raum stattfinden, schon in einer sauberen Welt lebt, dem fehlt die Vorstellung einer heldenhaften Person, die im richtigen Leben für einen sorgenvollen Umgang miteinander eintritt.

Glücklicherweise gibt es Ausnahmen. Nach einer nächtlichen Tramfahrt letzte Woche, wir liefen eben an der Führerkabine vorbei, öffnete der junge und adrett gekleidete Tramfahrer sein Häuschen, steig heraus und stellte sich uns in den Weg. Er wolle sich nochmals ganz persönlich bei uns bedanken, dass wir sein soeben gereinigtes Fahrzeug mit unseren Bierpappbechern zugemüllt hätten. Angesichts dieser Vehemenz und Eloquenz war ich erst einmal baff, denn selten passiert es mir, dass ich ein Müllvergehen begehe, und noch seltener, dass jemand antritt, um das – mit solch schönem Ausdruck! – zu sanktionieren. In diesem spätnächtlichen Fall waren wir aber unschuldig, denn der Fahrer hatte auf seinem Bildschirm wohl nicht gesehen, wie wir die zur Seite gestellten Bierbecher auch wieder eingesteckt haben. Die corpora delicti in unseren Händen überzeugten ihn rasch, und eine ebenso gefühlsvolle wie gestenreiche Entschuldigungshandlung folgte. Auch, als ich mich nochmal umdrehte und ihm zu verstehen geben wollte, dass er von seiner fordernden Art auch in Zukunft nicht abrücken solle, sah ich, wie der gute Kerl, zurück auf seinem Thron im Führerhäuschen, theatralisch die Hände vor dem Gesicht zusammenschlug. Bei der BVG sind solche Charaktere ultraselten. In der weiteren Nacht träumte ich von einer Stadt, in der die Bewohner kunstvolle Streitgespräche halten, in denen sie am selben Strang ziehen.