Sokrates: Muß ich dich daran erinnern, erwiderte ich, oder besinnst du dich selbst daran, daß, wenn wir von jemandem sagen, er liebe etwas, sich dann auch zeigen muß – sofern diese Aussage richtig ist -, daß er das Ganze liebt und nicht nur den einen Teil davon und den anderen nicht?

“Offenbar mußt du mich daran erinnern”, sagte er; “denn ich sehe es nicht ganz ein.”

Ein anderer als du, Glaukon, dürfte wohl so sprechen, wie du es tust, sagte ich. Ein so liebeserfahrener Mann dagegen muß doch wissen, daß alle, die in der Blüte ihrer Jugend stehen, den Freund der Knaben und der Liebe irgendwie reizen und erregen, indem sie seiner Aufmerksamkeit und Zuneigung wert erscheinen. Oder haltet ihr es mit den Schönen nicht auch so: den einen nennt ihr anmutig und preist ihn, weil er ein stumpfes Näschen hat; die gebogene Nase des zweiten, sagt ihr, habe etwas Königliches; der dritte aber, der zwischen beiden die Mitte hält, habe gerade das rechte Ebenmaß; die Dunkeln hätten ein männliches Aussehen, die Blonden dagegen seien Kinder von Göttern; wenn aber einer als ‘honigblaß’ bezeichnet wird, dann kannst du dir denken, daß schon sein Name von niemand anderem erdacht sein kann als von einem schmeichelnden Liebhaber, der die Blässe gern erträgt, wenn sie sich bei der blühenden Jugend findet. Mit einem Wort: ihr bringt jeden Vorwand an und habt für alles einen Namen, um nur keinen zu verschmähen, der in der Jugendblüte steht.


Und sicher stellst du dasselbe auch bei den Ehrliebenden fest, denke ich: wenn sie nicht Feldherr sein können, dann kommandieren sie eben eine Drittelsphyle [kleiner Acker]. Und wird ihnen nicht von Mächtigeren und Bedeutenderen Ehre zuteil, dann sind sie zufrieden, wenn sie von Geringeren und Unbedeutenderen geehrt werden, weil sie eben ganz und gar auf Ehre aus sind.

Dann werden wir also auch sagen, der Weisheitsliebende (Philosoph) trachte nach der Weisheit, und zwar nicht nur nach einem Teil von ihr und nach dem anderen nicht, sondern nach der ganzen.

“Richtig!”

Wer also gegen die Wissensgebiete eine Abneigung hat, besonders in seiner Jugend, wo er noch kein Urteil darüber besitzt, was brauchbar ist und was nicht – den werden wir nicht als Freund des Wissens oder als Freund der Weisheit bezeichnen; von jemandem, der bei den Speisen wählerisch ist, sagen wir ja auch nicht, er habe Hunger und begehre nach Speise und sei ein Freund des Essens, sondern nennen ihn einen schlechten Esser.

Wer aber mit Freuden von jedem Wissensgebiet genießt, sich gern ans Lernen macht und darin unersättlich ist, den werden wir mit Recht einen Philosophen nennen; nicht wahr?

Da sagte Glaukon: “Da wirst du ja viele und sonderbare Leute dieser Art finden. Ich glaube nämlich, daß alle Schaulustigen, weil sie Freude daran haben, etwas zu erfahren, so sind. Und auch die Hörlustigen machen sich zum Teil sehr sonderbar, wenn man sie unter die Philosophen zählt. Sind es doch Leute, die von sich aus wohl kaum zu Erörterungen und einer solchen ernsthaften Unterhaltung gehen mögen; dagegen laufen sie an den Dionysosfesten herum, als hätten sie ihre Ohren dazu vermietet, ja alle Chöre anzuhören, und lassen sich weder die städtischen noch die ländlichen Dionysien entgehen. Sollen wir denn alle diese Leute und auch noch andere, die ihren Lerneifer an solchen Dingen oder an unwichtigen kleinen Künsten üben, als Philosophen bezeichnen?”

(politeia, 474c)

Platon meint natürlich, dass die metaphysische Ebene der Erkenntnis, wo seiner Ansicht nach die Weisheit kulminiert, eben nicht sich in Hörbarem niederschlägt (wo Menschen, die mit einfachem “Chauffeurwissen” ausgestattet sind, sie suchen würden), sondern in Unhörbarem. Sodann ist es müßig, mit den Sinnen zu versuchen, etwas vom Höchsten zu erhaschen, wenn dieses Höchste den Sinneswahrnehmungen entzogen ist.