Ich saß, vollkommen durchnässt, mit ein paar Leuten in einem Restaurant, trank und redete über Gedichte. Mir gegenüber saß eine Frau, ihre Blicke waren heiß, sie sah aus wie ihre ältere Schwester, die ich in Hainan kennengelernt hatte. Ich brauchte so einen Körper, so einen Tierkörper, stark und gesund, brauchte das Fieber der Begierde, das mir die Haut verbrannte und das Eis aus den Knochen presste! Auf das Leben war kein Verlass, es war wie ein Weinglas, schnell ging alles zu Bruch. Ich musste eine Frau abschleppen, auf der Stelle, den Kopf zwischen Brüsten vergraben, den Dachtraufen meiner Kindheit, um den Wahnvorstellungen zu entgehen, mit denen der Tod Feifeis [ältere Schwester des Autors, E.D.] mich in Stücke riss.
Eine halbe Stunde später klopfte ich an und öffnete ihre Tür. Ohne einen Laut gingen wir aufeinander los. Das Zimmer, das vor kurzem noch das Hochzeitszimmer der Mädchen gewesen war, war ausstaffiert wie ein Raubtierkäfig, zwei ausgehungerte Wölfe verbissen sich ineinander, ein Knäuel auf dem Bett, unter dem Bett, ich streichelte sie wie ein Gerber, als ich ihr die Kleider vom Leib gerissen hatte, drang ich weiter in sie, als wolle ich ihr die Eingeweide und die Lunge herausreißen. Sie schrie, es erregte sie, als Mordlust sie füllte, drehte sie sich um und machte mich zu ihrer Bambussprosse. Sie küsste mich weiter, schlug ihre Zähne in mich hinein, knurrte und schnappte wie ein wütender Hase, sie hinterließ auf meinem ganzen Hals die Spuren ihrer Zähne, es war, als würde ich am ganzen Körper von Stromschlägen verwüstet, mein in schwarze Trauergaze gehülltes Hemd ging in Fetzen. Flüssiges Feuer! Spucke auf dem Zungenbelag des Teufels, wir waren vom Atem des Teufels hinausgeschleuderte Spuckefunken! Als ich kam, war die Hölle der Himmel, die Säule aus Fleisch zwischen beiden welkte nur zögernd. Vor dem Fenster schaukelten die Schatten der Bäume, Feifei schnaubte vor Wut. Aus der Ferne kam das müde Pfeifen eines Zuges, als die Lok sich mit dem Kometen vereinte, war Feifei längst mit ihm unterwegs, in rasender Fahrt auf die andere Seite.

»Super!«, rief ich aufgesetzt, das Ganze war ein Autounfall der Seele, die Furie schnitt eine Grimasse und erhob sch, blieb wie ein Auto vor mir stehen, ihre Brüste zischten und rauchten wie glühende Reifen. Wieder und wieder sog sie mir das Mark aus den Knochen, sie bekam nicht genug; es wurde schon hell, aber sie bekam nicht genug. Wie eine Katze, die mit einer toten Maus spielt, machte sie einen Buckel und inspizierte mein Becken, mein Geschlecht.

Ich war verdammt, in einer Jauchegrube auf dem Rücken zu schwimmen, Maden aus Schweiß, der in dieser Nacht in Strömen rann, ich wurde massakriert, ich würde in diesem Leben nicht wieder hochkommen, längst war der heimliche Ort meiner Erinnerung eine Jauchegrube.
Ich habe meine geliebte Schwester besudelt, doch in all den Jahren habe ich nur mit schöner Literatur an sie erinnert, ich habe nur Lügen verbreitet, ein Bündel von Lügen. Mein Geschlecht brennt immer noch wie Feuer, es ist scharf wie ein Messer, ich könnte mich noch ein paar tausend Mal so verschleudern, ich bin längst ein Gespenst, Gespenster müssen nichts bereuen, Gespenster sind der eisige, aus dem Leib kommende Hauch der Ewigkeit, ich bin ein Gespenst, auch wenn ich aussehe wie ein Zuchthengst.

Liao Yiwu: Für ein Lied und hundert Lieder (2011), Bild des Autors weiter unten.