…eines Verbrechers: Denn ein grosser Glücksfall wollte es, dass ich meine Hände in letzter Zeit vermehrt auf Buchexemplare aus dem Verbrecher-Verlag lege. Eins davon ist das Frankfurtmainbuch, und wie es so daherkommt in schlichtem schwarz-weißen Einband, in Taschengröße, in enger Kapitalschrift, da wußte ich sofort, dass es zu mir gehört, und ich hatte direkt Heimweh. Heimweh nach einer Stadt, die so grau und kalt und eng zusammengerückt scheinen kann, dass zwischen ihren Bewohnern, die wie große Buchstaben alles vor sich herschieben, manchmal kein Platz ist.

Dieses Bändchen von 2007 aber wirft ganz unterschiedliche und schelmenhafte Blicke auf die Mainmetropole und insbesondere solche, die das Leben dort zum Vorschein kommen lassen. Jörg Später in der taz analysiert treffsicher, dass dieses Buch eine Wohltat für “Freunde des subversiven Feuilletons, des Spotts und der randständigen kleinen Weisheiten” ist. Beispielsweise steuert Sarah Diehl einen Bericht bei, wie sie in den verschiedensten Museen ihre Praktika abgesessen hat und dabei unter anderem im Schauspielhaus beim Pressespiegel-Erstellen an ihrer Grimmigkeit arbeiten konnte, bevor sie im Senckenbergmuseum Tierpräparate umtopfte und mit dem dortigen Doktoranden eine Liaison begann. Die Anthologie bietet viel Erwartbares (Geschichte von der Zeil, das Leben in den “üblichen” Vierteln, Eintracht Frankfurt), aber viel hübsch-kleines, zum Beispiel die Geschichte von Izy Kusche, der über seinen Besuch in Frankfurt schreibt aus der Perspektive eines kleinen Jungen.

«Wenn das ganze Leben so schleppend verläuft, schrieb ich in Gedanken auf eine Postkarte, wie dieser verdammte Intercity, dann habe ich ja noch eine ganze Menge vor mir. Mein Walkman hatte zwar Autoreverse, das war neu, aber was konnte diese Funktion schon ausrichten gegen die Verspätung der Bundesbahn, sechs Stunden normal von Hamburg-Altona nach Frankfurt Hbf., plus fünf Stunden warten wegen Betriebsschadens. Ich hatte bloß eine Kassette mit. Die wollen einen doch nur verarschen mit ihrem technischen Schnickschnack. Also wechseln zwischen einer Seite mit Duran Duran und einer mit A-ha, aber voll automatisch.»

Und so sehe ich Frankfurt wieder vor mir: im Achziger-Look, mit langen Panzerschlangen der Ex-Besatzer in den Wäldern bei Nacht, die plötzliche Sorglosigkeit ’89, Staudammbauen post-Tschernobyl.

«Dann endlich runter von den Schienen, dem veralteten System. Frankfurt ist wie Amerika. GIs mit ihren deutschen Freundinnen überall um uns herum, Jazzmusik aus goldenen Chevrolets, uniformierte Schwarze kauen Kaugummi und lächeln mir zu, wenn sie uns überholen auf diesem wahnsinnig großen Frankfurter Kreuz, notiere ich innerlich.»

Hochsympathisch, gerade wegen des innerlichen Postkartenschreibens. Uneingeschränkte Leseempfehlung.