Swimmingpool, dead. Mit dieser Antithese startet mein Gedankengang zum Film “Was du nicht siehst”. Assoziationen werden hier gerne ins Gegenteil verkehrt, das Offensichtliche in einem Subtext aufgelöst. Das Mädchen in Totmannstellung in einem zugelaubten Pool – mit so einem Motiv hat man schon mal viel gewonnen. Allein ihr Höschen sitzt etwas zu knapp, in anderen Szenen kommt ihr Körper besser zur Geltung. Aber der Reihe nach.

Der Film spielt in der Bretagne. Rüdiger Suchsland hat nicht ganz unrecht, wenn er schreibt, dass sich in der Gegend dort “unverhofft alte Weltkriegsbunker auftun wie fremde Raumschiffe, die aus einer anderen Galaxie gelandet sind”. Dasselbe gilt für den im Film gezeigten Menhir (Monolith), eine ebenfalls steinerne Hinterlassenschaft einer Kultur, die wohl 5000 Jahre älter ist als die Bautätigkeit der Nazis. Der Regisseur Wolfgang Fischer schlägt diese harten Oberflächen visuell an die weiten, weich beleuchteten Landschaften von Nordfrankreich und besonders an die Struktur des Meers und baut damit ein ganz einzigartiges Bildepos auf. Sein Film ist optisch ein Museum. Die Farben, Stoffe, Motive und Einstellungen sind betrachterisch ein Hochgenuss. Als weitere Ebene kommen perfekt angezogene Darsteller dazu. Eine stilbewusste Patchworkfamilie, die in ihrem marsorangen Land Rover zum Urlauben in einen Bungalow im Bauhaus-Stil fährt. Die Optik sitzt so passgenau, wie sich in einer Szene das Macbook auf die Chinohosenbeine schmiegt, die aus einem Kandinsky-Lehnsessel herausragen. Bei dieser fabrizierten Eleganz und der versuchten Harmonie, die dieses Chic-tum mit der es umgebenden, wilden Landschaft versucht aufzubauen, musste ich unweigerlich den Kopf schütteln. Euch fehlt an der Ärmelkanalküste die Legitimation, Leute, dachte ich. Die perfekte Komposition von Antons (Hauptdarsteller) Kleidern und Haaren wirkt hilflos und deplaciert, als er relativ früh im Film in einer graffitoesken Bunkerarena von drei französischen harten Kerlen an seinem Kapuzenpulli gepackt wird.

Das Thema des Films ist urdeutsch, auch wenn der subtile Dialekt die Produktion als österreichisch entlarvt. Auch im Radiointerview wird auf diese Parallele eingegangen. Versatzstücke des Films findet man in anderen Werken wieder. Der bürgerliche Junge, der auf dem Land mit Hilfe eines Geschwisterpaars aus sich herauskommt? Was nützt die Liebe in Gedanken. Nachbarschaftlicher Terror gegen Hund und Ehemann (oder Lover)? Funny Games, 1997 noch mit Ulrich Mühe, erst zehn Jahre später von den Amerikanern adaptiert. Die beschauliche pseudo-Familienwelt wird in die Natur getragen und soll dort bestehen, alleine sie kann es nicht, weil sie gegen die dort vorherrschenden Kräfte nicht ankommt. Die Dekonstruktion dauert 89 Minuten. Uneingeschränkte Empfehlung.