Für einen Darwinisten wie Gustav Jäger gab es Ende des 19. Jahrhunderts keinerlei Zweifel: Die Verteilung der Tiere auf der Erde entsprach der Figurenkonstellation eines “halb abgelaufenen Schachspiels”. Sie erlaubte es dem erfahrenen Spieler, die ganze Partie, sprich: die Entstehung der Arten zu rekonstruieren. Und Jäger hatte den Nordpol als “Schlüssel” in diesem Spiel identifiziert. Aus der ringförmigen Verteilung der Säugetiere entlang der Breitengrade – zumal sie quer über Atlantik und Pazifik hinweg ging, als wären die Weltmeere ein Katzensprung – schloss er: Der Pol oder die Ufer eines geschlossenen runden Polarbeckens mussten der genealogische Ausgangspunkt dieser konzentrischen Kreise sein. Europas und Amerikas Tiere stellten “die versprengten Nachkommen einer einst nordpolaren Fauna” dar, die ein planetarischer Kälteschub ringförmig in Richtung Äquator getrieben hatte.

Das Gros der Nordpolenthusiasten musste Petermann abwiegeln. Nur für die theoretischen Köpfe, die Mythologen, die Ursprungsdenker und Utopiker, hatte er naturgemäß eine Schwäche. Sie verkörpern die Geister, die Petermann mit seinen kühnen Hypothesen gerufen hatte: die Geister einer entfesselten arktischen Imagination. Zwischen ihren planetarischen Fantasien und seinen eigenen Theorien lag nicht mehr als eine überwachsene, grüne Grenze – ein wildes Terrain, von dem eine latente Infiltrationsgefahr ausging.

Da ist zum Beispiel der Fall des Oldenburger Obergerichtsanwalts Adolph Gether. Für ihn existierte eine Urkraft, die durch Schwingungen rotierende Materieblasen hervorbrachte, welche im Inneren hohl waren und an den Polen Öffnungen aufwiesen. Um die Theorie zu beweisen, hielt Gether eine Expedition zum Nordpol für notwendig.

aus: “Wie August Petermann den Nordpol erfand”, Philipp Felsch, 2010.

Es gibt auch jüngere Beispiele für eine geradewegs verbissene Lust am Erfinden und Entdecken. Lorenz Schröter hat eine solche Person portraitiert, nämlich Rolf Keppler, einen Nachfahren des berühmten Johannes Keppler.

Wir leben nicht außen auf der Erdkugel, sondern drinnen, auf der Innenfläche einer Hohlkugel. Hinter dem Horizont wölbt sich die Erde nach oben. In dieser Hohlkugel, mit dem Durchmesser von 12.000 Kilometern, hat die ganze Welt Platz. In der Mitte, keine 6000 Kilometer von der Erdoberfläche entfernt, dreht sich eine Fixsternkugel. Das ist der Nachthimmel, wie wir ihn kennen. Was scheinbar Millionen von Lichtjahren weit weg leuchtet, von Proxima Centauri bis zu den Seyfert-Galaxien, sind in Wirklichkeit Funken auf dieser Diskokugel.

Soweit die Theorie von Keppler. Er hat sich auch  mit Literatur zu dem Thema auseinandergesetzt:

Der amerikansche Flugpionier Richard Evelyn Byrd, der als erster Mensch über Süd- und Nordpol geflogen ist, notierte in seinen Tagebüchern, wie er bei seinem ersten Flug über dem Nordpol plötzlich in ein seltsames grünes Tal gelangte. Er war aus Versehen ins Innere der Erde geflogen. Andere Polarforscher berichten von wärmer werdenden Winden nach dem 76. Breitengrad, Tiere ziehen Richtung Pol, bunter Schnee stellte sich nach dem Auftauen als Vulkanasche und Bütenpollen heraus. Es gibt Zeugnisse von zwei Sonnen am Pol, der inneren und der äußeren. Eine davon war schwarz. Rolf Kepler glaubt nicht an das Loch im Pol. Er hat dort angerufen. Er hat wirklich mit einer Polarstation telefoniert, die ihm versichert haben, daß es dort kein 3000 km breites Loch gibt. Ohne weiteres hält er es für möglich, daß die Amerikaner die Mondlandung nur vorgetäuscht haben, aber wenn ihm ein grundguter Arktisforscher am Telefon versichert, hier gibt’s keinen Eingang in die Unterwelt, dann glaubt er das. Keppler vermutet den Durchgang am Baikalsee.

aus: DER FREUND N° 1, 2004.