Mein Sitz hätte der Thron eines Herrschers in einer fernen Raumfahrerepoche sein können. Ich räumte die bestickte Decke in die Hutablage, legte meine Kopfbedeckung darauf, verzehrte das teuer eingepackte Pralinengebäck, lockerte meine Krawatte und liess mich in die Polster fallen. Ein Prospekt in Deutsch, Französisch und Japanisch informierte über die Reiseroute. Um mich herum liessen sich andere Männer an ihren Plätzen nieder, inmitten der gedämpften Farben des Wagens fielen ihre Bewegungen kaum auf. Wenige Frauen. Eine Stewardess ging mit perlenden Sektgläsern herum, aus den Lautsprechern düdelte leise Musik. Ich orderte einen Gin Fizz hinterher, dann setzte sich der Zug in Bewegung.

Es wurde wenig gearbeitet während der Fahrt, nur wenige Leute starrten auf ihre Tabellen oder machten sich Notizen, während sie angestrengt verschiedene News-Sendungen überflogen. Die Stimmung war von einer reservierten Ausgelassenheit geprägt, hinter mir bandelte ein Herr mit graumeliertem Haar alsbald mit der Dame an, die leicht zurückversetzt zu seiner linken in ihrem halbausgestreckten Liegesitz lag („Kennen Sie sich aus mit Bilanzen?“), während weiter vorne verhaltener Jubel zu vernehmen war, als Wolfsburg die Spieler vom FC Bayern-München ins Leere rennen liess und auf dem Fusse ein Kontertor erzielte. Wie sich später herausstellen sollte, gehörte einem der Mitreisenden der Club zu fast dreissig Prozent. Nach einer Weile ging ich in den Bistrowagen. Dort mischten sich die Fahrgäste der beiden Klassen, es entstanden Blasen und sorgfältig gezogene Territorien. In einer unvermutet heftigen Kurve wurden Komplimente über die neuen Rimowas ausgetauscht, die selbst bei solchen Zugfahrten nie umkippten. An einem anderen Tisch erklangen exotische Frauennamen zwischen leisem Gelächter und verschwörerischen Formeln. Es gesellten sich geübte und ungeübte Anzugträger dazu. Ein crèmefarbener, massgeschneiderter Riese durchmass den Waggon, Typ routinierter Weizentrinker.

Die Verspätungsmeldung erreicht mich in der zweiten Klasse, als ich eben auf Toilette ging. In der eng bestuhlten Grossraumkabine fläzten sich Menschen über die Sitze, Gänge und Stühle waren überwuchert mit Kabeln, es herrschte ein allgemeines, unkonzentriertes Gemurmel aus den zahlreichen Kopfhörern und Lautsprechern. Reflexartiges Aufstöhnen bei der Verkündung von 45 Minuten extra. Die Umleitung heizte die Gespräche an. Zurück in meinem Wagen war keine Aufregung spürbar. Vier Sitze vor meinem wurde infolge eines erfolgreichen Übernahmegeschäftes in den Emiraten mit Krug angestossen. Erst kurz vor Frankfurt wurden Chartermaschinen umgebucht und Limousinen bestellt. Ich hielt noch ein Nickerchen, dann bestellte ich einen Mitternachtsespresso und stieg kurz darauf hinab auf den Bahnsteig von Karlsruhe. Der Fahrer wartete schon.