Horzon liess lesen – sass daneben wie ein seniler, wehmütiger Sack, der in Erinnerungen schwelgt. Lesen liess er seinen Freund Marc Hosemann, der mit solch einer knarzenden, verrauchten und schnarrenden Stimme vortrug, dass es doppelt seltsam wirkte und ich mich fragte, warum gerade er als Vorleser gewählt worden war. Professor Lubrich vom Peter-Szondi-Institut moderierte den Auftritt, er blickte grossväterlich auf Horzon herab, mit dem er früher schon mal zu tun gehabt hatte, wie er vorgab. Lubrich beneidete den gescheiterten Akademiker, der nach seiner Direktorenschaft der “Wissenschaftsakademie” jegliche Berufungen zum Professor ablehnte. Hosemann las vor. Der Schauspieler tritt derzeit bestrumpfhost im neuen Pollesch-Stück an der Volksbühne auf. Nachdem nochmal auf die Schüchternheit von Horzon hingewiesen worden war – weswegen Hosemann ja überhaupt erst mitkam – las jener just die Stellen im Buch vor, wo die Unfähigkeit des Autors, aus sich herauszukommen, evident wurde. So etwa die Szene, in der er der FU verwiesen wird, nachdem er dem Direktor bei einer Veranstaltung eine Trinkflasche an den Kopf geschleudert hatte. Dann wurde auch die Serie der Autounfälle zum Besten gegeben, die Horzon mit dem Transporter der Deutschen Post erlebte, inklusive seiner Liebesaffäre mit Madame Glawny, oder Glowny. Das Publikum lachte herzlich, die krude Stimme von Hosemann schallte lautsprecherverstärkt an der endlosen Krümmung der Decke der Philologischen Bibliothek entlang durch die Bücherebenen. Es war ein nettes Wiedererleben der Lektüre, auch wenn der Gedanke, es als Performance präsentiert zu bekommen, der Rezeption etwas im Weg stand. Zum Schluss konnten Fragen gestellt werden, der Moderator wies allerdings darauf hin, dass diese einfach gehalten sein sollten, Horzon antwortete ausschliesslich durch Nicken oder Kopfschütteln. Der Moderator führte es auch gleich vor, liess den Autor nicken und kopfschütteln wie die neuste Version eines Sony-Roboterhundes. Wie immer scheute sich das Publikum, in den Autor einzudringen, dessen offene und entwaffnende Schreibe auch nicht gerade eben den Verdacht erweckte, aus verborgener Tiefgründigkeit gekommen zu sein. Der übereifrige Moderator deckte dann auch alles ab, um das Projekt als dadaistische Übung zu enttarnen. Damit war eigentlich alles geklärt, und die Zuhörer waren sinnentleert genug, um sich zu Wladimir Kaminers Lesung zu begeben, die im Anschluss in der Bibliothek der Erziehwissenschaften stattfand.