Hallo Romantik! Nach einem kurzen Blick auf Amazons Kracht-Angebot fühle ich mich in die schreibbesessene Vorzeit zurückversetzt. Christian Kracht und David Woodard veröffentlichen tatsächlich ihren Briefwechsel von 2004-2009, er heisst sinnigerweise “FIVE YEARS” und erscheint in zwei Bänden. Egal, wie Camp die beiden sind – ein solches Verhalten ist nicht untypisch für Vielschreiber in Deutschland – auch wenn Krachts letztes Buch von 2008 datiert. Postwendende Korrespondenzveröffentlichungen sind schonmal dagewesen, nämlich zur Zeit der Romantik:

Zwischen 1790 und 1800 sind zweieinhalbtausend Bücher neu erschienen – soviel wie in den neunzig Jahren zuvor. Es wurde hemmungslos gelesen, gerne auch mehrere Bücher gleichzeitig. Welche Formen das annehmen konnte, zeigt ein Tagebucheintrag der Gesellschafterin des Grafen Friedrich Stolberg:

„Nach dem Frühstück las der Graf ein Kapitel aus der Bibel und einen Gesang aus Klopstocks Liedern vor. Dann las sie still in der Zeitschrift „Spectator“. Danach las die Gräfin eine Stunde lang aus Lavaters „Pontius Pilatus“ vor. Die Zeit bis zum Mittagessen las jeder für sich. Zum Nachtisch gab es eine Lesung aus Miltons „Paradise Lost“. Danach las der Graf in den Lebensbeschreibungen des Plutarch, und nach dem Tee las man sich Lieblingsstellen aus Klopstock vor. Abends werden Briefe geschrieben, die man sich am anderen Morgen vorliest, ehe man sie absendet. In den freien Stunden des Tages liest man zeitgenössische Romane, was aber eher verschämt erwähnt wird.“

Es wurde aber auch viel geschrieben. Soviel sogar, dass einigen Autoren der Vorwurf gemacht wurde, sie hätten gar nicht all ihre Romane gelesen, so schnell schrieben sie. Es passierte womöglich nicht genug zu der damaligen Zeit, so dass selbst die trivialsten Erzählungen noch den ein oder anderen Leser locken konnten. Freilich wurde damit der Vereinsamung Vorschub geleistet, immerhin aber die Sehnsucht des Lesers nach politischer Macht, Abenteuern in der Hauptstadt oder in exotischen Kolonien etwas gelindert. Die Inspiration war so groß, dass viele bald selbst schrieben. Freunde gaben sich dem Briefeschreiben hin und brachten die Sammlung dann gleich selbst zum Verleger. Das ungewohnte Ausdrucksgefühl liess auch einigen erzählerischen Hochmut aufkommen, der unfreiwillig komisch wirkt. Jean Paul etwa schrieb in „Schulmeisterlein Wutz“ über ein Männchen, das wegen Geldmangels die unerschwinglichen Werke des Literaturkatalogs selbst verfasste. Mit den tatsächlichen Originalen konfrontiert, verhöhnte es sie daraufhin als billige Fälschungen.