“Wer zuletzt lacht, hat’s nicht eher verstanden” – so sage ich gerne und kann mich dabei wohlfeil ausnehmen, denn schwer von Begriff bin ich nicht, im Gegenteil. Dennoch habe ich die ein oder andere Situation erlebt, über die ich im Nachhinein nur laut lachen kann und mich über meine eigene Begriffstutzigkeit wundere. Eine dieser Gelegenheiten spielte sich in der Strandbar auf einer Insel in Thailand ab. Ich habe mich eben, als ich am Ufer sass, ihrer erinnert:

Ich traf einen Dänen wieder, den ich ungefähr einen Monat zuvor auf dem Dach einer Unterkunft in Bangkok kennengelernt hatte. Wir hatten beide wenig Geld und die Absteige bot uns an, kostenlos auf dem Dach zu nächtigen. So fanden wir uns auf der geräumigen Dachterrasse wieder, die mit Wellblech überdacht war und einen guten Blick auf die Stadt bot. Weil sie zu allen Seiten offen war, zog der kühlende Wind nachts durch, was in den ersten Tagen der Akklimatisierung eine echte Erleichterung darstellte. Wir redeten gelegentlich und tauschten uns über Bücher aus. Auf der Insel erkannten wir einander sofort wieder. Er hatte ziemlich schlimme Zähne, war etwas knochig und wohl Mitte dreissig. Er sass mit einer kleinen Thailänderin am Tisch, sie assen etwas und unterhielten sich wenig, obwohl sie gut Englisch konnte. Ich schlenderte den Strand entlang, hielt mal hier meine Hand in den geöffneten Rachen eines ausgestellten Hais, holte mir mal dort einen kleinen Cocktail, hielt nach Abenteuerlustigen Ausschau. Ich setzte mich zu ihnen. Nach einer Weile fragte ich ganz nebenbei, wie lange sie noch blieben, woraufhin das Thai-Mädchen angab, in einer Woche wieder arbeiten zu müssen. Ich ging also davon aus, dass die beiden sich beruflich kennengelernt hatten, ich wusste ja nichts über den Grund seines Aufenthaltes auf der Insel und in Thailand überhaupt. Ich fragte, wo sie arbeite. In Bangkok, war die Antwort. Ich fragte, was sie arbeite und wo genau. In Patpong, war die Antwort. Noch für einen kurzen Augenblick ratterten die Zahnräder in meinem Kopf, ich setzte Puzzleteil an Puzzleteil, imaginierte irgendeine berufliche Laufbahn für die junge Frau, stellte mir ihre Herkunft vor, extrapolierte auf ein Zusammentreffen mit dem Dänen (der unscheinbar still neben ihr sass) und prüfte gleichzeitig, ob sie mir vielleicht etwas zeigen könne in Bangkok oder Kontakte verschaffen. Mir einem Schlag endete das Zahnräderrattern. Ich wusste natürlich, was Patpong war, ich war selbst durch das Rotlichtviertel gelaufen, hatte der Frau aber gleichzeitig soviel zugetraut, dass ich die gar nicht mit Prostitution in Verbindung brachte. Abrupt fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Sie hier mit ihm, eine Woche lang, Kost, Logis und Reise und vielleicht noch etwas extra gegen die Erfüllung aller möglichen Liebesdienste. An der Stelle stoppte ich meine Imaginiermaschine eigenhändig. Später, beim Einschlafen, musste ich laut über meine eigene Unbedarftheit lachen.