“Aber da Sie nun schon mal hier sind”, sagte die Frau mit einem Schulterzucken, “zeigen Sie mir mal, was Sie können. Sehen Sie sich diese Pergola gut an. Sie hat mir noch nie gefallen. Seien Sie so freundlich, sie zu entfernen, natürlich so, dass keine Lücke bleibt.”

Adam Lozanic fand, ganz im Gegensatz zu der Dame, die Pergola mit den üppig blühenden späten Rosen einfach traumhaft schön und hatte das vage Gefühl, eine unverzeihliche Sünde zu begehen, wenn er sie einfach so “entfernte”. Aber die Anweisung war eindeutig. Wenn er seinen Job behalten wollte, würde er den Forderungen der Dame nachkommen müssen…

Wieder konnte er nicht sagen, wie viel Zeit vergangen war. Wahrscheinlich war sein Fieber weiter gestiegen. Sein Schnupfen ließ nicht einmal den Duft jener Rosen zu ihm durchdringen. Er näherte sich der fraglichen Stelle von unterschiedlichen Seiten, schätzte die Folgen des Eingriffs ab und überlegte, was mit den Sätzen in der Umgebung geschehen würde. Schließlich fasste er einen Entschlusss, stieß die Bleistiftspitze wie ein Skalpell, richtiger: wie einen Spaten in die Wurzel der Beschreibung, begann durchzustreichen, die Wortfolge zu ändern, Sätze zu vertauschen, ein Bindewort hinzuzufügen, das ganze Bild herauszureißen und schließlich zwei Absätze miteinander zu verbinden. Er schwitzte, was durch sein schlechtes Gewissen noch unangenehm verstärkt wurde, denn die Pergola mit den späten Rosen war verschwunden, als hätte sie nie existiert; die Wunde ließ sich kaum erahnen, und wenn die versetzten Rasenstücke nachwüchsen, wäre auch von der traurigen Narbe kaum noch etwas zu erkennen.

“Ganz annehmbar”, äusserte sich die Frau zurückhaltend. “Aber das war nur eine kleine Probe. Einen Gärtner haben wir schon. Lassen Sie uns zum Haus gehen, Ihre Aufgaben erwarten Sie überwiegend dort.”

Langsam sickern die Werke der Leipziger Buchmesse im März, auf der Serbien ja Gastland war, auch hierher in das elektronische Traumgestade ein. Goran Petrovics Roman “Die Villa am Rande der Zeit” erschien auf dem Balkan schon 1997 und brachte ihm auch einen Preis ein, die deutsche Übersetzung kam im dtv erst dieses Jahr heraus. In dem Buch geht es um die traumartige Erfahrung von Lesern, die sich in den Beschreibungswelten von Romanen begegnen, wenn sie die Bücher zur selben Zeit lesen. Der Hauptcharakter ist Adam, der die Aufgabe erhält, ein bestimmtes Buch zu “redigieren”. Das Buch beschreibt ausschliesslich einen riesigen Garten und eine darin stehende Villa, es gibt keinerlei Geschichte. Die Ereignisse passieren allein durch die Leser, die sich durch die Lektüre in dem Garten wiederfinden und sich dort begegnen. Aufgrund der grossartigen Idee und der schönen Erzählweise empfehle ich Petrovics Buch uneingeschränkt.