Wir haben den ein oder anderen Vortrag hinter uns, als ich mich wieder auf eine der Terrassen im Lesesaal setze und zu Kuhns Theorie der Strukturen wissenschaftlicher Revolutionen zurückkehre. Es ist später Nachmittag. Die Wolken, die am Donnerstag noch Regen gebracht hatten, ziehen jetzt anstandslos vorbei.

Das Buch von Thomas Kuhn ist nicht schlecht, vielleicht etwas langatmig und repetitiv. Damit reiht es sich in die Tradition wissenschaftsgeschichtlicher Werke ein. Er skizziert ein Dogma der sich häutenden Wissenschaft. Forscher, so seine Ansicht, schlüpfen allzu gern unter den Schirm eines Paradigmas, das sie entwickelt haben. Ein Paradigma besteht dabei aus mehreren Theorien, die konsekutiv und kohärent aufeinander aufbauen. Forscher (naturwissenschaftliche insbesondere) bewegen sich in einem Netz aus wissenschaftlichen Fäden, die sie selbst spinnen und die ihre Sichtweise auf die Realität beeinflussen. Ihr Netz beschreibt dabei nicht annähernd alle wahrnehmbaren Phänomene und liefert auch nicht für alle eine korrekte Lösung. Das Paradigma aber hält, weil es sich im Vergleich mit anderen als das vermeintlich bessere, weil exaktere oder konsistentere herausgestellt hat. Das Theoriekonstrukt ist dabei Brille und Augenbinde zugleich. Es liefert analytische Instrumente, die Phänomene richtig vorhersagen und hilft, Unentdecktes zu erschliessen. Gleichzeitig verstellt es aber den Weg zu Naturvorkommnissen, die ausserhalb des Erklärungs- oder Sehradius’ liegen. Beispielsweise werden einem Biologen die Muster in der Artenvielfalt auf einer Insel nicht weiter auffallen, wenn er sie nicht durch die Brille von Vererbung, Variation und Selektion der Evolutionstheorien betrachtet.

Genau um dieses Wort “betrachtet” geht es Kuhn; er unterscheidet es vom blossen “sehen”. Der forschende Betrachter erkennt, aber er blendet auch aus. Jedes Paradigma deckt einen unterschiedlichen Bereich ab, in dem es Probleme löst und Erkärungen leifert; keine zwei Paradigmate beschreiben dasselbe fiktive Gebiet auf der Problemkarte. Fallen den Forschern schliesslich auch noch Unstimmigkeiten auf, wird nach einiger Zeit das Paradigma ausser Dienst gestellt, sobald ein neues erarbeitet wurde. Ein Leben ausserhalb der Paradigmata aber ist unangenehm und nimmt dem Wissenschaftler seine Stütze, entsprechend ungern verlässt er das schützende Theoriegebäude. Draussen aber, so zeigt Kuhn auf, warten ebenfalls erstaunliche Erkenntnisse. Die Vorstellung der Paradigmenerrichtung alleine stellt mich vor die Frage, ob es möglich ist, anhand des Wissens über diese Metaebene eine weitaus effektivere Forschungsmethode zu installieren. Die Einsicht, dass die Wissenschaft im Grunde nomadische Züge zeigt, wenn ich die metaphorische Forschungs-Karte nochmal bemühen darf, stellt ausserdem den kumulativen Charakter der Naturwissenschaft in Frage, wie er uns immer in Lehrbüchern präsentiert wird. Die Forscher haben, so muss es dem Leser von Standardwerken der Mathematik, Physik, Biologie und Chemie gehen, seit Jahrhunderten auf den Stand der Dinge hingearbeitet, wie wir ihn heute kennen und von ihm profitieren. Die Geschichte, wie sie uns in gängiger Weise präsentiert wird, ähnelt eher dem Turmbau zu Babel als meiner nomadischen Beschreibung. Dabei machen sich die Verfasser von Lehrbüchern die ehemaligen Kollegen auf so spezifische Weise zu nutze, dass es aussehen muss, dass diese ebenfalls schon unsere Ziele und Kenntnisse vor Augen hatten.

So komme ich neben dem ganzen Forschen mit Kuhns Buch auch mal wieder zu mir selber. Ich schaue mich um, betrachte all die Lesenden und Schreibenden in ihren Paradigmaschneckenschalen. Dann fallen mir die Paare auf, die an den beiden vordersten Zweiertischen sitzen. Sie haben dieselben Kopfhörer auf und die Bücherstapel vor ihnen sehen so aus, als ob sie ihnen jemand als Tarnung hingeschoben hat. Die beiden jungen Frauen am linken Tisch haben kleine Kinder dabei, die bereits erste Anzeichen und Unruhe zeigen. Auch die Frauen haben einen Bücherstapel vor sich. Entgeistert wende ich mich zu meinem Nachbarn um, der die neuen Besucher mit ihren Kindern auch eben bemerkt hat. Auf dem Gang erfahre ich von einem Rasta-tragenden Typ, dass die vier Pseudo-Leser Gäste eines performativen Teaterstücks seien, welches das HAU im Grimmzentrum organisiert. Die Leute werden in den Lesesaal gesetzt, vor sich die Bücherstapel, und hören über die Kopfhörer Geschichten, denen sie über in den Büchern verteilte Notizen folgen müssen. Das ist ja alles schön und gut, sage ich später zu einem Vertreter der Bibliotheksleitung, aber bei all dem muss doch auf die anderen 280 Besucher im Lesesaal Rücksicht genommen werden. Unsere Schneckenschale hält was aus, ist letztendlich aber fragil.