Wie oft hatte ich an Nachbartischen in der Cafeteria sorgenvolle Gespräche beobachtet. Hatte mich mühsam mit den Augen an den Lobesworten der Theaterkritik, den Zahlen des Börsenberichts, den Reliefwolken eines Meteorologenbildes festgehalten, wenn es nebenan um Leid, Kummer und Verzweiflung ging. Ganze Beziehungsstreitepisoden werden von den heutigen Studenten in die öffentlichen Räume verfrachtet, zwischen ein Trutenbrust-Vollkornbrötchen und drei weitere Stunden Wirtschafts- oder Rechtswissenschaft. Und vor allem: zwischen alle anderen Studenten, die dort auch noch ihren Vollkornbrötchen oder Rechtsstudien nachgehen. Man hört von vielen Übeln und Vergehen. Und ein, zwei Tische weiter findet schon das nächste Stadium statt, wenn die Partner gesondert die Therapie bei Freunden aufsuchen. Dort wird dann so richtig gejammert und getratscht, werden Beschwichtigungen ausgetauscht und Vorsätze gefasst. An all dies hatte ich mich gewöhnt. War immer froh gewesen, dass ich mich selber nie zur Lachnummer gemacht hatte. Doch eines Tages fand auch ich meinen Ratgeber, und zwar ganz unverhofft und ohne vorherigen Streit:

Den Geldkarteauflader anpeilend setzte ich eben zur Überholung eines etwas älteren Mannes an, der unzweifelhaft dasselbe Ziel hatte und mich dem Anschein nach wohl aufhalten würde, da ältere Leute immer länger an den Automaten brauchen. Im letzten Moment bremste ich ab und gab ihm mit einem Seitenblick zu verstehen, dass ich ihm des Alters halber den Vortritt gewährte. Er aber winkte ab, hatte die Hände schon tief und den Taschen und kramte darin herum. Er brauche noch eine Weile, meinte er und fügte hinzu, dass die Hetzerei ja total unnötig sei. Ich, mich zum Automaten umdrehend und meinem finanziellen Geschäft nachgehend, murmelte, dass es der Automat sei, der alle in eine solche Eile versetze, schliesslich geben vielfach die Maschinen den Menschen ihre Verhaltensweise vor. Als ich mich umwandte und mit einem Lächeln an ihm vorbei zu meinen nächsten Erledigungen hetzen wollte, sah er mich durch seine goldgerandete Brille scharf an. Sein schütteres weisses, zurückgekämmtes Haar erinnerte mich an einen Bekannten. Es seien keineswegs die Automaten, die uns zur Eile antrieben, sagte er. Der Weisshaarige fixierte mich und sagte: “Es sind die Menschen, die einander hetzten.”

So oder so ähnlich sagte er es. An den genauen Wortlaut kann ich mich nicht mehr erinnern, auch wenn ich ob dieses erhellenden Kommentars erstmal stillstand und ihm in die Augen sah. Danach ging die Botschaft unter in dem hektischen Hin- und Hergelaufe der anderen Studenten, dem ewigen Strom der Gesichter, die an einem im Laufe eines Tages vorbeiziehen.