“Kriege werden mit Hochtechnologie gewonnen – und mit dem Toyota-Pritschenwagen. Er taucht zwar in keiner Rüstungsbilanz und in keinem Verteidigungshaushalt auf, dafür auf beinahe jedem Schlachtfeld. Auch ohne Panzerung und Ketten hat er Panzer besiegt, die ein Vielfaches kosten, und Kriege entschieden.

Unter Militärs heißt der Toyota Pick-Up schlicht “Technical”. Dieser Name geht zurück auf den somalischen Bürgerkrieg. Als Helfer der Vereinten Nationen und von Nichtregierungsorganisationen Anfang der neunziger Jahre in das Land strömten, durften sie kein Wachpersonal mitbringen. Stattdessen gaben die Organisationen ihren Mitarbeitern “technical assistance grants”, zu Deutsch: Geld, um einen Wagen samt Fahrer lokal anzumieten. Am Anfang waren die Wagen noch unbewaffnet, doch als die Kämpfte eskalierten, tauchten schnell die ersten Maschinengewehre auf der Ladefläche der “Technicals” auf.

Anders ist es der libyschen Armee 1987 im Krieg mit dem Tschad ergangen. Sie war militärisch klar überlegen, bis Frankreich seinem Verbündeten Tschad 400 Toyota Pritschenwagen lieferte. Besondere Zusatzausstattung: Panzerabwehrraketen des Typs Milan, eine hocheffiziente deutsch-französische Entwicklung. Binnen weniger Wochen wendete sich das Blatt. Libyen verlor 800 Kampf- und Schützenpanzer und fügte sich notgedrungen einem Waffenstillstand. Der Krieg ging als “Toyota-Krieg” in die Geschichte ein und begründete den sagenhaften Ruf des japanischen Pritschenwagens in Afrika und darüber hinaus.

Die wichtigsten Märkte für Toyota sind China, Europa und der Mittlere Osten, aber auch Afrika. Bürgerkrieger fahren heute, wenn sie nicht im modernen Hi-Lux unterwegs sind, meistens den Land Cruiser 70, der seit 1984 gebaut wird. Er ist besonders auf den harten Einsatz zugeschnitten. Zieht man Radstand, Aufbau, Fahrwerk und Motorisierung als die wesentlichen Unterscheidungsmerkmale heran, gibt es mehr als hundert verschiedene Versionen des 70ers. Wie im Modell von 1951 wird auf einen Leterrahmen die Karosserie geschraubt, Starrachsen und Blattfedern übernehmen die Radführung. Seit 1999 sind zumindest die Vorderräder einzeln aufgehängt und werden mit Scheibengebremst, davor waren Trommelbremsen Standard. Der Frontantrieb ist zuschaltbar.

In Europa ist der Land Cruiser 70 weitgehend unbekannt. Er wäre ohnehin nicht zulassungsfähig, schon wegen der strengen Emissionsvorschriften. Ein Toyota-Händler in Gibraltar verkauft den Pick-Up in verschiedenen Versionen, gern auch “wüstentauglich”. Die Motoren sind für den harte Einsatz vorbereitet, sie kommen zum Beispiel mit schlechterer Kraftstoffqualität zurecht. Der Ottomotor braucht verbleites Benzin.

Den Fahrer eines solchen Gefährts einen Autofahrer zu nennen ist eigentlich eine Untertreibung. Selbst Zivilisten werden am Steuer zu Kriegern. Was sie mit dem Auto anstellen, zeigt ein Ausflug in Kongo, in Kasai – dort, wo es nicht einmal Pisten, geschweige denn Straßen gibt. Zehn Passagiere bringt ein ramponierter Land Cruiser Station Wagon mit seinen längsseits montierten Rücksitzen über glitschige Pfade von Lodja nach Bena-Dibele. Das ist eine Strecke von 70 Kilometern durch tropischen Regenwald, für die zwei Tage angesetzt sind. Am Ende des ersten Tages steht die erbarmungslos durchgerüttelte Reisegruppe vor einem großen Schlammloch, in dem gerade ein russischer Militärlastwagen zu versinken droht. Etienne, der Krieger am Steuer, nimmt zuerst das Loch in Augenschein, dann den hilflos wühlenden Lastwagen, schließlich seinen Cruiser – und äussert kategorisch “pas de problème”. Der Cruiser taucht die Schnauze in den Dreck, und der bullige Dieselmotor brüllt, als gehe es um sein Leben. Minuten später steht der Wagen auf der anderen Seite des Lochs – über und über mit Schlamm bedeckt, um ein paar Beulen reicher, aber ansonsten kerngesund.

Etwas später im westafrikanischen Niger. Dieses Mal ist es ein Land Cruiser Pick-Up, das bei südafrikanischen Farmern wie somalischen Kriegsherren gleichermaßen beliebte Modell mit der offenen Ladefläche und den extra starken Blattfedern auf der Hinterachse. Abseits der Straßen reduziert Jacques, der aus Frankreich stammende Fahrer, keineswegs das Tempo. Am zweiten Tag der Querfeldeinfahrt versperrt ein Hochwasser führender Fluss den Weg. Jacques nimmt die Querung in Angriff, wie er alle Hindernisse auf dieser Reise angegangen ist: mit Vollgas und grenzenlosem Vertrauen in die Unzerstörbarkeit dieses vierschrötigen Kleinlasters. Das Wasser steigt über die Motorhaube, die Strömung drückt gegen die Flanke, und es kommt, wie es kommen muss: Mitten im Flussbett begint der Cruiser aufzuschwimmen und abzutreiben, woraufhin Jacques seelenruhig seine Tür öffnet und den Beifahrer anweist, es ihm gleichzutun. Bis zum Armaturenbrett rauscht das Wasser in die Kabine, und derart vom Druck der Strömung befreit, bekommt der Cruiser wieder Boden unter die Räder und klettert alsdann als eine Art rollendes Aquarium die gegenüberliegende Böschung hinauf. Dort angelangt, entfernt Jacques die beiden Gummistöpsel im Kabinenboden, um das Wasser abzulassen. Zurück bleiben ein mit rotem Schlamm gekleisterter Innenraum und zwei nasse Geländefahrer, von denen der eine sich schwört, so ein Auto zu kaufen, sobald er wieder trocken ist.


Aus: “Die Kavallerie des kleinen Mannes” (Thomas Gutschker/Boris Schmidt/Thomas Scheen), FAZ vom 11.4.2011