Drahtklänge

Ihr dunklen Drähte, hingezogen
So weit mein Aug’ zur Ferne schweift,
Wie tönt ihr, wenn der Lüfte Wogen
In euch so wie in Saiten greift!

O welch’ ein seltsam leises Klingen,
Durchzuckt von schrillem Klagelaut,
Als hallte nach, was eu’ren Schwingen
Zu raschem Flug ward anvertraut.

Als zitterten in euch die Schmerzen,
Als zitterte in euch die Lust,
Die ihr aus Millionen Herzen,
Verkündend, tragt von Brust zu Brust.

Und so, ihr wundersamen Saiten,
Wenn euch des Windes Hauch befällt,
Ertönt ihr in die stillen Weiten
Als Aeolsharfe dieser Welt!

Ferdinand von Saar (1833-1906), per lyrikmail