Nietzsche geht unverkrampft an die Traumwelt heran, nach der Niederreissung der Metaphysik durch ihn kommt das nicht überraschend. Er stellt fest, dass das Nervensystem des Menschen während des Schlafes durch die Aktivität der Organe, den “ungestümen Kreislauf” des Blutes und die Position des Schlafenden auf mannigfache Weise gereizt wird, das unbewusste Gefühl des Ungewöhnlichen wird durch “die Füsse, unbeschuht, nicht mit den Sohlen den Boden drückend” noch verstärkt. Ebenso wie äussere Geräusche den Geist des Schlafenden erreichen und seine Träume beeinflussen, so meint Nietzsche, verwundert sich das Gehirn beständig über diese wirklichen Aussergewöhnlichkeiten. Die unwirkliche, nur wirklich scheinende Konsequenz ist der Traum, ein “Suchen und Vorstellen der Ursachen für jene erregten Empfindungen”. Nietzsche unterscheidet genau zwischen “Ursachen” und “vermeintlichen Ursachen”, denn “wer zum Beispiel seine Füsse mit zwei Riemen umgürtet, träumt wohl, dass zwei Schlangen seine Füsse umringeln”. Es gibt Ursachen und Hypothesen, die der Geist aufstellt, um sich die Empfindung zu erklären. Diese Erkenntnis löst spürbar Begeisterung aus beim Erschaffer des Übermenschen: Es gibt etwas archaisches im Menschen, das während des Schlafes die Deutungshoheit innehat, und dieses Archaische schliesst so willfährig auf jedes Erleben, akzeptiert jede erstbeste Hypothese, nimmt die Riemen gleich als Schlangen hin. Schlussendlich nimmt unser “uraltes Stück Menschenthum” sogar den Traum für wahr, hält ihn für Realität. Nietzsche wundert sich: Wie kommt es, dass der wache Geist, der so “nüchtern, behutsam und in Bezug auf Hypothesen so skeptisch zu sein pflegt”, im Traum derart danebengreift? Mehr noch, die äusseren Eindrücke derart in die Traumwelt einflicht, dass erst die veranlassenden Umstände imaginiert werden, dann der Eindruck (Nietzsche bringt hier, wie könnte es anders sein, das Beispiel von Glockengeläut, das im Traum als Kanonenschüsse wiederkehrt).

Die angedeutete Richtung wird weiterverfolgt: während unseren Träumen ist ein einfacheres Denkvermögen aktiv, das der Menschheit über Jahrtausende auch im Wachzustand gute Dienste leistete. Im Unterschied zum unterbewussten Verstand entwickelte sich der bewusste Geist allerdings zu höherer Vernunft und ist nun “nüchtern, behutsam und in Bezug auf Hypothesen so skeptisch”. Der Traum aber “bringt uns in ferne Zustände der menschlichen Cultur wieder zurück”, es ist eine Zeitreise in die Frühzeit. Traumdenken hat eine langsamere Taktung, es ist eine Erholung für das Gehirn. Der Phantasie räumt Nietzsche eine vermittelnde Rolle ein, sie gruppiert die undeutlichen Wahrnehmungen bei geschlossenen Augen sofort um bekannte Figuren und Gestalten herum, die unsere “Gesichtseindrücke des Tages” sammeln. Dabei findet eine seltsame Kausalumkehr statt; “die vermeintliche Ursache wird aus der Wirkung erschlossen und  n a c h  der Wirkung vorgestellt”, so dass “eine Verwirrung des Urtheils entstehen und ein Nacheinander sich wie etwas Gleichzeitiges, selbst wie ein umgedrehtes Nacheinander ausnehmen kann.”

Nietzsche staunt: Kausale Wahrnehmung muss verflucht spät erst zur Ganzheit ausgebildet worden sein, wenn die Vernunftfunktion noch heute (und beinahe während der Hälfte des Lebens) so unwillkürlich auf solche primitiven Formen des Schliessens zurückgreift. Und er hat eine gute Analogie zur Hand: Auch die Künstler schieben ihren Stimmungen irgendwelche Ursachen unter, um diese für sich und andere erklärbar zu machen. Insofern, so Nietzsche, sind die Künstler Methusalems mit archaischen Geisteszügen, Überlebende einer früheren Welt.

(Menschliches, Allzumenschliches I, Nr. 13)

Der Traum und die Verantwortlichkeit; Morgenröte Buch 2, Nr. 128 bei textlog.de.