Das Programm im Gorki Theater am letzten Samstag hiess “Maßnahmen gesellschaftlicher Teilhabe” und bot einige interessante Workshops, Inszenierungen und Performances. Ganz zuvörderst sind wir natürlich hingegangen, weil Philipp Ruch vom Zentrum für Politische Schönheit sein Stück “Abschlussbericht” (videolink) zeigen würde. Seine Blickrichtung war, wie oft, eine Retrospektive. Eine Historikerin trat vor den unveränderten Bundestagskulissen des Jahres 2051 an, um bild-, gefühls- und wissenschaftsgeschichtlich eine Analyse abzuliefern über die Jahre, in denen wir uns jetzt befinden. Die unveränderte Kulisse/Institution/Etikette konnte allerdings, nachdem ihr Vortrag begonnen hatte, nicht lange darüber hinwegtäuschen, dass sich in der fiktiven Bannmeile, in der die Zuschauer sassen, einiges verändert hatte. Nicht nur war Deutschland in Ruchs Vision von 2051 aus der EU ausgetreten und hatte somit den Paradigmenwechsel vollzogen, der in seinen anderen Videoarbeiten stets nur angedroht worden war. Die Betrachter wurden darüber hinaus auf die Erkenntnisebene der Darstellerin gehoben: Sie war nicht mehr der einsame Bundeskanzler Franz-Kevin Wegener des Jahres 2032, der im Film “Die Überläufer” (videolink) der verdutzten Presse erklärt, dass er nach Afrika gehe, wo echte Aufgaben warteten. Nein; die Historikerin auf der politischen Bühne im Gorki Theater sprach vor Eingeweihten: Dem fiktiven Plenum, das die Zuschauerschaft bildete, waren die nichtigen Zustände des Jahres 2010 völlig klar. Diese Zustände wurden auf die Wand hinter der Sprecherin projiziert. Nimmt man diese Inszenierung wortwörtlich, kann man zum Schluß kommen, dass die Legislative im Jahr 2051 im vollen Besitz ihrer erinnernden Kräfte ist, die notfalls mithilfe von Delegationen der geschichtsaufarbeitenden Max-Planck-Institute reaktiviert werden.

Video tränkt die Bühne, rechts am Rand sieht man Sarrazins Gesicht

Dem Zuschauer wurde in erster Linie eine Chronik des vergangenen Jahres gezeigt. Sie waren alle da, die Helden des Fernsehens und der Print-Presse. Sarrazins runde Brille und Schnauzbart geisterten in einer verfremdeten Schwarzweiss-Aufnahme über die Wand, inmitten eines Meeres von Journalisten mit ihren technischen Kamera-Tentakeln und Blitzaufsätzen. Hier  war der elektronische Traum kenntlich gemacht worden, er liess sich nicht anders interpretieren: die pseudo-versonnene Kamerafahrt, die verspielte Musik, der Perspektivenwechsel des Dokumentierenden auf die Dokumentierenden. Kachelmann war da, als süffisant Lächelnder bestieg er ein Auto. Stuttgarts Demonstranten waren natürlich da, an diesem Punkt machte sich die Sprecherin am Pult nicht mehr die Mühe, respektvoll zur Seite zu treten, sondern suhlte sich gewissermassen in diesem Bildmüll, der da auf sie geworfen wurde.

Die Schauspielerin Ruth Reinecke inmitten der Demonstranten von Stuttgart

Sie hatte es verstanden, wir hatten es verstanden: Was die Menschen damals bewegte, waren Nichtigkeiten. Philipp Ruch hat nach nur 22 Tagen im neuen Jahr die vergangenen 12 Monate in ihrer geschichtlichen Relevanz für verfehlt erklärt. Schneller war kein Historiker und keine Talksendung der Rückblicke, denn diesen fehlt die Fähigkeit, sich in die Zukunft zu versetzen. Für Ruch ist es die leichteste Übung. Auf eine spannende, neue Art hat er es mit seinem Publikum erneut getan. Der Verweis auf Menschenrechts-Themen fehlte nicht, diktierte aber auch nicht die Dramaturgie: Zum ersten Mal konnte der Zuschauer anhand der faux-archivierten Bilder selbst zum Schluss kommen, dass inhaltsvollere Themen möglich sind, die Darstellerin auf der Bühne gab mit ein paar Stichworten aus der Zukunft nur unterstützende Hilfestellung. Der Rest war Schweigen.