Das war sie also, diese ereignis- und an Feierlichkeiten reiche zweite Woche des Jahres. Die Erkältung war gerade so auskuriert, das Eis und der Schnee schmolzen wie auf Kommando und mit dem nun fliessenden Verkehr wirkte die Stadt direkt viel freundlicher. Das Fahrrad mit Seltenkeitswert navigierte ich zwischen den Scherben und weihnachtlich/silvestrigen Überbleibseln hindurch auf meinen ersten Fahrten durch die warm anmutende Januarluft. Ein heikles Unterfangen.

Am Freitag feierten wir mein beschlossenes “Vierteljahrhundert”, und während sich die Verwandten noch auf diese Lesart beschränkten, war mein Motto längst ein “Viertelleben”, denn weniger als 100 Jahre alt werde ich bestimmt nicht werden. Ich forderte von Freunden die Zukunftsaussichten für die nächsten 75 Jahre ein. Später in dieser Nacht standen wir nach langer Zeit mal wieder vor dem Berghain, wo die Schlangenlänge um 3 Uhr  kulminierte. Obwohl der Abend recht warm begonnen hatte, setzte Nieselregen ein und ein kühler Wind umfegte den Betonquader. Drinnen dann die ersehnte Wärme und das wiederkehrende Gefühl, dass sich das Publikum jedesmal anders ausgestaltet als bei meinem letzten Besuch. Es ist eine anständige Freitagnacht-Geschichte, ein psychedelischer, stupider Techno unten und eine ausgesuchte, harmonischere und vorhersehbarere Stimmung oben.

Der Samstag brachte mich endlich dem ROTEN ZIMMER näher, worauf ich schon seit Donnerstag gewartet habe – mein persönlicher Film! Der Regisseur würde anwesend sein. Ich bin gerade noch rechtzeitig zum Tilsiter Kino in Friedrichshain geraten, um eine der letzten Karten zu ergattern. Der kleine Raum war natürlich voll, zwei Reihen über mir sass überraschend auch ein guter Freund. Der Film ging los. Ich hatte es ja kaum erwarten können, und dann war der Moment endlich da. Es ist eine schöne Geschichte mit teils anmutigen Bildern, lange nicht so traumartig, wie es ich es mir vorgestellt habe (der Trailer komprimiert etwa einige Szenen, die einen sehr ruhigen Stil und tolle Musik haben, die ist “wie ein durchsichtiger Firnis auf die Oberflächen getupft und entrückt das, worauf sie fällt, sanft dissonant in eine andere Welt”, wie Ekkehard Knörer in der taz meint). Die Produktion ist sehr rustikal, der Ton ohrenbetäubend, ganz ungewohnt bei den heutigen, gut abgemischten Filmen. Die Schauspieler sind grossartig. Es ist eine Wonne, diese beiden Frauen zu sehen, wie sie sich räkeln, ihrem versonnenen Leben nachgehen, nach Beute Ausschau halten. Bei Peter Knaack hatte ich gemischte Gefühle. Er wird seiner Rolle auf jeden Fall gerecht. Der Film gibt einem viel zu reden, es ist ein schöner Ausflug in eine naive, natürliche, träumerische Welt, abseits der Stadt und der strengen, wissenschaftlichen Logik. Soweit der Film. Was sich danach mit dem Regisseur anbahnte, war eine ganz unangenehme Sache. Solche Pubikumsgespräche führen ja ohnehin öfter dazu, dass man desilusioniert von dannen geht. Diese Leute sind oft wie Fussballspieler, die während 90 Minuten auf die grazilste Art den Ball bewegen, nur um später im Interview grobschlächtig irgendwas daherzufaseln in einer Synthese aus Erschöpfung und mehr-weiss-ich-einfach-nicht. Ungefähr so war es mit Thome, den man französisch ausspricht, also eigentlich Thomé. Er hat die Schauspielerin Seyneb Saleh gleich mitgebracht, die zwar wie auf der Leinwand wunderschön anzusehen war, als Person jedoch blass wirkte. Spannende Fragen aus dem Publikum kamen gar nicht erst, Thome gab sich auch nicht gross Mühe, sie adäquat zu beantworten (wie es Regisseure so an sich haben), nein er verfiel in ein etwas leidgeprägtes Geplappere über sich selbst und die Anteile, die Figuren im Film, ja sein gesamtes Oeuvre eigentlich an seinem Charakter hat. Wie es oft mein Verdacht ist, entwickeln sich diese wirklich guten Filmdeen also nicht aus einer Extrapolation heraus, sondern sind Konglomerate von angestauten Persönlichkeitsbrüchen, depressiven Motiven und dergestalt zwar Projektionsfläche der Möglichkeiten, aber darin auch immer ein Eingeständnis an ihre Nichtdurchführbarkeit. Mit anderen Worten: Schöne Ideen kommen nicht immer aus einem schönen Geist, und besonders in diesem Fall präsentierte sich uns als Macher des Werkes ein leidgeplagter, um Aufmerksamkeit ringender Mann, der in seinem Produktionsstil festgefahren ist und dabei soviele innovative und witzige Ideen mitbringt. Der gesamte Herstellungsprozess seiner Filme lässt sich beispielsweise online nachverfolgen, dort findet sich auch der Blog, in dem er über seinen Eindruck vom Abend im Tilsiter Kino schreibt.

In einer Kneipe in der Rigaer verdauten wir anschliessend unsere Erlebnisse. Den Film empfehle ich weiterhin uneingeschränkt.

Seit einigen Tagen bin ich verzweifelt auf der Suche nach einem Gedicht, in dem es um einen Mann geht, der sich in ein Café setzt und durch verschiedene Spiegel und über Glasspiegelungen eine Frau beobachtet, die ihn fixiert, die er aber nicht wagt anzusprechen und die schlussendlich das Café verlässt – “durch alle vorhandenen Spiegel”. Mit Gedichten ist es bei mir wie mit Liedern, Melodien, Passagen aus Büchern und Dialogen aus Filmen, Hörbüchern oder Theaterstücken – sie gehen mir nach und machen mich ganz verrückt, bis ich ihren Ursprung gefunden habe. Manchmal dauert es Monate.