Neulich das erste Mal in einer Arztpraxis gewesen, die sich an Schwule und Lesben richtet. Es war ein geräumiges Etablissement, wurde von zwei Allgemeinärzten bewirtet und seine Einrichtungweise hob sich sogar noch davon ab, was man in Prenzlauerberg so gewohnt ist. Das indirekte Licht, die leise Musik, die Dielen und die Leseauslagen – schon der erste Blick durch den Raum liess ihn mir die Einsicht keimen, dass ich hier auf ein ganz besonderes Juwel der medizinischen Versorgung gestossen war. Der zweite Blick allerdings führte zutage, was mit einer solch ausgerichteten Praxis eben auch einhergeht: eine dementsprechende Kundschaft. Es waren hier auch andere Vertreter anzutreffen als der klassische gutaussehende, stilsichere Typ, und trotz des wohldimensionierten Wartezimmers war mir die Nähe zu ihnen unangenehm. Ich werde aufmerksam taxiert, soweit also alles in Ordnung. Die Warte-Hackordnung ist nur schwach ausgeprägt. Ein junger Typ mit oranger Sonnenbrille, einem Ohrstöpsel drin, einer wächsernen Haut wie eine Mischung aus Akne und Botox und mehr Ringen als Fingern laboriert endlos über seine täglichen Milligrammmengen, die Laborbesuche, wie froh er sei heute da nicht hin zu müssen, usw und das alles in einem Dialekt, der sich anhört, als ob er aus Kiel geflüchtet, in der Ostsee erfroren und in Meck-Pomm wiederbelebt worden ist. Ich komme dann auch recht schnell dran. Der Arzt ist die Ruhe selbst, kein Vergleich zu den mir bekannten Artgenossen. Es war 7 Uhr abends und nach eigener Aussage betreibt der Typ auch noch eine Reiseberatung für Indien. Wahrscheinlich hat er ausreichend eigene Erfahrung gesammelt. Wir reden dann nach dem Abhören etc. auch mehr übers Reisen als über das offensichtliche Thema, und damit hat dieser Arzt wieder mal erledigt, was oft besser hilft als das übliche Verschreiben und Weitersenden.