Es kommt selten vor, dass ich mir Tatort anschaue. Die Serie dokumentiert die gesellschaftlichen Entwicklungen der Deutschen zwar sehr genau und oft in solider Regie. Vermutlich ist es aber genau diese zeitliche Appropriation, die mir Missvergnügen bereitet. Denn allzu häufig werden Kriminalfälle auschliesslich auf elektronischem Weg aufgeklärt – anhand von Handyvideos. Eineinhalb Stunden lang dabei zuzusehen, wie die Kommissare das Leben des Mordopfers oder der Verdächtigen aus Aufzeichnungen auf dem Bildschirm rekonstruieren – das ist mir zuviel Indiz dafür, dass sich die Wahrnehmungs- und Erinnerungsrealität vieler Menschen tatsächlich auf elektronische Medien verschoben hat. Umso erfreuter war ich gestern, dass für einmal eine komplett (naja, beinahe) analoge Folge im schönen Leipzig zu sehen war. In der sich nur einmal der Blick auf den Bildschirm richtet, und zwar der Blick von Kommissar Keppler, dessen unruhige Körperhaltung aber genauso wie die Kameraperspektive, die mehr auf seinen Rücken zielt als auf den Monitor, andeutet, dass alle Festplattengeschichten nichts sind im Vergleich zu den Spuren, die Menschen im wirklichen Leben hinterlassen – nämlich bei anderen Menschen.

Der gestrige Tatort hat der ARD knapp 10 Millionen Zuschauer beschert. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Die Serie ist eine der beliebtesten in Deutschland, fast jede Kneipe hier im Kiez zeigt die Sendung auf Leinwand. Jede Folge wird im Medienteil der Zeitungen am Samstag besprochen. Die FAZ räumt dem 40 Jahre alten Format allwöchentlich einen Platz auf ihrer stark geschrumpften Medienseite ein. Und liegt mit den Besprechungen nur selten falsch. Gestern zum Beispiel. Wahrscheinlich liegt es an der Eigenschaft des “Tatorts”, die gesellschaftlichen Probleme der in Deutschland Lebenden zeitnah nachzuerzählen, dass ein derart ausgeprägtes Phänomen von Alkoholkrankheit für den Rezensenten Lorenz Jäger unglaubwürdig und unzeitgemäss erscheint. Jäger findet diesen Tatort blöd. Der Freitag kreidet dem Fall von Saalfeld und Keppler an, dass der Suff das einzige dargestellte Panorama ist. Die Wende und die soziale Grenzziehung Ossi-Wessi ist für andere Zeitungen ein gefundenes Fressen (taz, stern). Mir ist das ehrlich gesagt gar nicht aufgefallen. Nur eine einzige Figur sächselt. Dieser Tatort ist aufgrund seiner ruhigen Kameraführung, seiner versonnenen Einstellungen und aufgrund des grossartigen Spiels vieler Schauspieler (WUTTKE, Brambach, Harfouch, Thomalla…) ein traumartiges Erlebnis. Ich empfehle ihn deshalb uneingeschränkt.

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