Bücher, so geht die wissenschaftliche Erkenntnis, werden vor allem im Winter geschrieben. Also gut, dann können sie auch dann rezensiert werden.
Etwas, was mir schon lange auf der Seele liegt, ist das Buch „Flucht zum Mars“ von Herbert W. Franke. Das ist so ein Buch, das bei mir nicht einen einzigen Umzug überstanden hat, und das will schon was heissen. Aber von vorne: Allein dieser Name! Herbert W. Franke klingt nach amerikanischen Senator eines Flächenstaates. Nun, dieser Franke hat eine eigenartige Biographie, die ihn als Science-Fiction-Autor (insbesondere mit soziologischen Hintergrund) interessant macht. Dietmar Dath hat sich auch direkt auf diesen Fakt verstiegen, in seiner überlangen Buchbesprechung in der FAZ. Dort schreibt er: «Dichtender Forscher durfte Herbert W. Franke nicht werden, so wurde er eben wissenschaftlicher Erzähler.» Dieser Franke hat nämlich Physik studiert und über Elektronenoptiken dissertiert. Er ist ein Höhlenforscher, der gerne Geschichten erzählt und damit das klassische Problem erlebt, zwischen den Türen zu stehen, mithin auf dem Flur, wo er niemanden so recht antanzen kann. Seine Höhlenvorliebe ist vielleicht das beste Charakteristikum, das man für diesen Mann finden kann, was auch seinen Schreibstil sehr treffend festlegt. Wo andere bei Höhlen mit mystischen, unheimlichen und beengenden Assoziationen aufwarten, zückt dieser Mann sein Lineal und öffnet seinen elektronenoptischen Laptop. Soweit, so gut. Was bei einem lineal- und laptopbewehrten Autor herauskommt, wenn er über eine Flucht zum Mars schreibt, kann man für fünf Euro zwanzig (plus Versand) im Internet bestellen. Amazon bietet Frankes letztes Werk seltsamerweise nicht mehr selbst an. Staubtrockene Literatur ist kein Ausdruck.
Dath, der sich für keine Wahrnehmungsstörung zu schade ist, lobt dieses Buch über alle Massen. Um beides – Buch und seine Kritik – zu illustrieren, hier ein Auszug:

Dann ging Alf mit geballten Fäusten auf Ramses los, der hinter dem Schlitten Schutz suchte. Als er Alf auf sich zukommen sah, benutzte er das Fahrzeug zur Abwehr. Auf den suprakalten Kufen ließ es sich in jede Richtung bewegen, und die Schwungräder in der Bodenplatte hielten es aufrecht, so dass Alf nicht an Ramses herankam.

Dath schreibt: «Eine Schlägerei wie ein Schaltplan, in übersichtlichem Aufriss gezeichnet, dazu Requisiten aus dem Geräteschuppen (“Schwungräder”, “Bodenplatte”) und dem Physiklabor (“suprakalte Kufen”) – Exaktheit, Konzision und Sinn für Proportionen, die hier das Sprachliche regieren, schaffen beim Lesen der Passage unmittelbar Behagen; man merkt ja immer gern, dass man einem Menschen zuhört, der weiß, wovon er redet.»

Was das Wissenschaftliche angeht, da hat Dath recht (obwohl sich auf dem Mars auch allerhand Unschlüssiges ereignet). Seine präzise Analyse des Schreibstils ist lobenswert (auch an anderer Stelle). Beim Gesamteindruck, den das Buch hinterlässt, liegt Dath aber meilenweit daneben: Meiner Meinung nach ist es ist langweilig, aufgebauscht und wirkt prosaisch sehr dilettantisch. In der Hinsicht hätte ihm weniger Technikversiertheit wohl gut getan. Ebenso ist Daths Ansicht, dass Franke für das setting des Buches betont bürokratisch schreibt, falsch. Bei einer Lesung in Zürich präsentierte sich der Autor genauso geheimnislos, trocken und wissenschaftlich wie sein Buch. Dass die FAZ und andere Medien Franke als den „prominentesten deutsch schreibenden SF-Autor“ küren, muss mit seinen früheren Büchern zusammenhängen. Wenn dieser Mann gemeinsam mit dem ominösen Jeschke, der mir auch anempfohlen wurden, zur Speerspitze der deutschen fantasievollen Literatur gehört, dann ist es mit unserer Ingenieurgläubigkeit wirklich nicht weit her. Dass Sprache und Stil ganze (auch lange) Werke tragen können, beweisen ja für mich immer wieder Gibson, Brunner oder eben Frankes Inversio; Frank Herbert. „Flucht zum Mars“ bekommt von mir ausserdem den Preis für die schlechteste Umschlaggestaltung seit die Menschheit von anderen Planeten träumt.