Theobald fasst die Auslegungen von Paulus’ Römerbrief in drei Deutungsarten zusammen. Die sogenannte “antipartikularistische” Deutung geht davon aus, dass Paulus mit seinem Ausspruch “…der Mensch durch Glauben gerechtfertigt wird, ohne die Werke des Gesetzes” nicht alle Regelwerke verneint hat, sondern nur bestimmte. Ottmann wittert in dieser Stossrichtung Skandalpotential: “Die Kasuistik der Thorainterpreten hatte erstaunliche Blüten getrieben.” Tatsächlich lohnt es sich, dieser Interpretation weiter zu folgen. Ethelbert Stauffer schreibt dazu:

“In den Tagen Jesu hat sich die zentrale Stellung des Sabbaths in der jüdischen Frömmigkeit allgemein durchgesetzt. Damals haben die Rabbinen zu Ex 20,8 eine Tabelle von 39 verbotenen “Hauptarbeiten” aufgestellt. Im dritten Jahrhundert haben nach einem Bericht des Jerusalemer Talmuds zwei prominente Thorajuristen sechs Monate lang über dieser Tabelle gegrübelt und debattiert, bis sie aus jedem Sabbathverbot sechs verbotene “Unterarbeiten” herausgeholt hatten. Zehn Jahre später setzten sich zwei noch prominentere Rabbinen 36 Monate zusammen und brachten aus jedem der 39 Sabbathverbote wiederum 39 spezielle Arbeitsverbote heraus, macht 39×39=1521 verbotene Sabbatharbeiten. Das ist rabbinische Thorakasuistik.”