Das Wort “Grimmig” soll mir hier als Marker dienen, um zukünftige politische Einsichten entsprechend zu bezeichnen. Damit umgehe ich den wesentlich längeren Fingerzeig “Geschwister-Scholl-Straße”, der bis anhin als branding herhalten musste.

Die Bibel, lese ich bei Philippe Nemo, faltete die Zeit endlich auf. Im wichtigsten Erbstück, das die antike griechische Welt den Römern und wen auch immer es interessierte hinterliessen, dem Stoizismus, herrschte die Idee einer zirkulären Zeitauffassung: die Dinge wiederholten sich. Von ihren Beobachtungen der Jahreszeiten, von Ebbe und Flut und den Sternenbildern schlossen die damaligen Denker wohl, dass ausserhalb der Zeitspanne, die ein Leben misst, irgendwie eine Verbindung bestehen muss, wo das “nachher” wieder zu einem “vorher” wird, das ein Philosoph freilich nicht mehr erlebte, weil er dann tot war. Ihre Beobachtung menschlicher Züge mag zu einer ähnlichen Erkenntnis geführt haben, denn fühlt sich der Mensch nicht wohl im Repetitiven, in der Routine? In der Stoa war man der Ansicht: Ja, es wird wiedergeboren, aber eben nicht wir, sondern die Welt erneuert sich. Kein Wunder, dass zum Beispiel bei Aristoteles das Ziel des “guten Lebens” darin bestand, sich in der Politik zu verwirklichen. Mit dem Hintergrund, dass grosse Betätigungen ohnehin nicht lange von Bestand sein würden, fand man seine Erfüllung eben im (so muss es erscheinen: dahinplätschernden) daily business des öffentlichen Lebens.

Zurück zur Bibel: Die Ereignisse des Erscheinen von Jesus sowie das Versprechen, irgendwann wiederzukommen, mussten notwendigerweise eine lineare Zeitachse definieren. Wenn sich sein Leben und sein Tod nur ewig wiederholen würden, wäre die Prophezeiung von der Wiederkehr eine Lüge. Diese messianische Erwartung, die sich anfangs auf die kommende Zeit richtete (deshalb: Naherwartung), gab dem ganzen menschlichen Geschick eine Art Ausrichtung, es führte weg vom zyklischen Denken der Stoiker. Nemo präzisiert, dass es sich dabei nicht einfach um eine anthropologische Zufälligkeit gehalten hat. Seines Erachtens ist das “Aufsprengen der zyklischen Zeit der Heiden” nötig, um den Subplot des Christentums glaubhaft zu machen: Das ethische, menschliche Dasein könne sich nur über eine Geschichtlichkeit definieren und könne nur “heilig” werden, wenn es in eine Zeit der Verwandlung eingebettet ist. Der Messianismus und die Apokalyptik sind eigentlich Folgen aus dem neuen Zeitverständnis, nicht umgekehrt.

Das ganze lässt sich auch auf das universitäre Leben übertragen, allerdings muss es hier den umgekehrten Weg gehen: Der Jungstudent gelangt nach der Schule endlich in die höhere Bildung, die er als “Klotz” von einer gewissen Länge wahrnimmt, der seine Ausbildung abrundet. Es soll ein einmaliger Durchlauf sein. Es gibt die Erstsemestereinführungen, Parties und als Analogon zum Messianismus die Hoffnung auf einen guten Abschluss. Das Studium hat also zunächst einen linearen Charakter. Der Student begreift Vorlesungen, Prüfungen, das mittägliche Gefecht in der Mensa, Bürokratieaufgaben, den Hiwi-Job und die Hochschulpolitik als evolutionäre Ereignisse seiner selbst, nimmt dies als Entwicklung wahr. Er durchläuft verschiedene Stadien. Erst später (oder gar nie) wird ihm auffallen, dass durch den jährlichen Schwung von frischem, unverbrauchten (aber auch: unentwickelten) Erstsemestergeist die Prozesse an einer Universität zirkular stattfinden. Der Tanz um die Organisation einer Klausur ist jedes Jahr derselbe. Debatten im Hochschulrat, beim AStA und dem Buchgeschäft über eine Preisminderung sind repetitiv. Die Ernüchterung, dass ein einmalig geglaubtes Erleben in Wirklichkeit von einigen Erlebenden (Sekretärinnen, Dozenten, Mensafrauen) zigmal durchstanden wird, ist herb. Die durch die Semester gereiften Ansichten, vor einem Publikum vorgetragen (etwa: Studentenzeitung, Fachschaftsinitiative, etc), können keinen Bestand haben, denn stets gibt es durch mangelnde Erfahrung Unwillige, die sich den Neuerungen verschliessen. Somit ist die Universität ein Wiedergänger ihrer selbst; sie altert, aber reift nicht. So muss es zumindest dem Studenten vorkommen.