Das Manifest “Der kommende Aufstand”, das von einer französischen Protestgruppe nach den Banlieue-Unruhen in Paris 2005 verfasst wurde, machte in seiner deutschen Übersetzung auch bei den deutschen Castor-Partys fünf Jahre später seine Runde. Die Castor-Partys – anhand eines von CARTA hervorgehobenen Blog-Eintrags kann man sich mal ein Bild machen, wie das dann so abläuft, rein subjektiv. Unter “Elementarteile” beschreibt der Autor/die Autorin, wie die Protestierenden gemeinsam mit der Polizei das “Castor-Ballet” aufgeführt haben, inklusive Rechtschreibefehler. Die sitzen da auf den Schienen, dann kommt das Räumkommando und trägt sie weg – und das war dann der Protest.

Eine Dosis mehr vom “kommenden Aufstand” hätte diesen ominösen Streikenden ganz gut getan – am besten schon zu Hause. Dieses Pamphlet, das von französischem Existentialismus geradezu trieft, lässt andere Dimensionen des Protests und der gedanklichen Unterfütterung erahnen als was man hier in Deutschland (medienwirksam) so unter die Nase gerieben bekommt. Ein Castor-Ballett, bei dem sogar die Geschäftsspitze der Grünen mittanzen darf.

Von “kommenden Aufständen”, “kommenden Tagen” im Kino (in dem eine französische Terror-Zelle in Berlin die Hauptrolle spielt, sieht man mal vom ähnlichen Namen ab) ist es nicht mehr weit zu Ulrich Peltzers letztem Hit “Teil der Lösung”, in dem eine mélange aus Widerstand, Berlin-freelancer-Gefühl und Liebesgeschichte auf knapp 500 Seiten angerührt wird. Andreas Platthaus in der FAZ war begeistert:  “Stil ist nicht nur Teil der Lösung des Problems, unsere Gegenwart zu erzählen. Er ist die Lösung. Und Peltzer hat sie.”

Das mit dem Stil des Buches ist so eine Sache. Er ist kurzatmig, fahrig. Der Autor stösst gerne deskriptive Seufzer aus, oft mehrere hintereinander, eine kryptische Abfolge scheinbar-cooler (weil Insidersprech) Pakete an Prosa. Als Leser muss man sich da reinfummeln. Und es gibt Stellen, bei denen man mit den Figuren atmet, ihren Blicken folgen kann, wie sie auf zwei Metaebenen den Raum um sie herum wahrnehmen. Wäre da nicht diese völlig inkongruente Beziehung, die im Mittelpunkt steht: Christian und Nele, er knapp 40, sie Anfang 20, er ein freischaffender Journalist, der sich wahnsinnig was auf seine Kunstkritiken einbildet (dabei aber zur Überbrückung auch langweilige Gastronomieführer betippt), sie eine Studentin mit einem Faible für Protest und einer festgelegten Art, die schnell ins Intime wechseln kann. Solche Leute gibt es in Berlin ja viele, von ihnen lesen möchte man aber nicht, insbesondere nicht von ihrem Kennenlernsprech auf einer Party:

“Als sei das der Zweck ihres [Familie] Daseins, einen auf irgendwas zu verpflichten. Blutsbande.”

“Mit der Betonung auf Bande”, sagte sie, strich sich zwei blonde Haarsträhnen hinter die Ohren. “Ansprüche, die nie gerechtfertigt sind.” Christian nickte zustimmend, nun selber lächelnd. Razorin, das Wort auf ihrem T-Shirt, französisch?

“Wenn es keine Städte gäbe, wäre man verloren.”

“Ist Berlin gross genug?”

“Weit genug weg”, sagte er und steckte seine Hände in die Hosentaschen. “Vielleicht existiert eine Formel, mit der sich die nötige Entfernung ausrechnen lässt. So ein Sicherheitsabstand.”

“Falls man die Variablen kennt. Alle Variablen, die bedeutsam sein könnten.”

Und immer so weiter. Das könnte auf einer Physiker-Party so passieren, aber doch nicht in der Szene der Hauptstadt?! Ihr Geplänkel lässt auch zweihundert Seiten später nichts Gefühlvolles zu, sie hangeln sich an diesen Stichworten und gekappten Sätzen voran. Eingeschränkte Leseempfehlung immerhin, denn: es spielt in Berlin. Peltzer schildert die Stadt in einer ungekannten Akribie.