Na endlich! Es wurde ja langsam genug Gutes über die Philologische Bibliothek der FU erzählt. Dieser Wissenshort ist damit zum Aushängeschild der Exzellenzuni geworden; er ist chic, modern und in ihm studieren die Wesen, die den Rang dieser Hochschule hochhalten. Studieren? Das ist nach Ansicht von Magnus Klaue übertrieben. Der freie Publizist, der für Konkret schreibt und auch auf den geisteswissenschaftlichen Seiten der FU auftaucht(e), nimmt diese Einrichtung in seinem Artikel “Wenn einem das Hirn zu Kopf steigt” (FAZ vom 22.10.2010) Stück für Stück auseinander. Wie könnte ich es ihm verübeln? Ich bin ja selbst bibliotheksgeschädigt. Ich verstehe die Leute nicht, die heutige Bibliotheken konzipieren und auch jene nicht, die sie benutzen. Pro memoria, hier ist das 2010 preisgekrönte Foto in der Rubrik “Wissensspeicher” von Klaus Mellenthin:

Die Philologische Bibliothek erinnere «in ihrer Schlichtheit und Symmetrie an die Blöcke eines Supercomputers», so die Jury. Und was macht dann das Kind auf dem Bild? Ob das nun wirklich ist, was wir von einer Bibliothek erwarten (insbesondere einer, die die Form eines Gehirns hat), sei dahingestellt. Klaue bemängelt in erster Linie die Sortierung und die Signatursysteme der Bücher, er erwartet da eine semantische Ordnung, die am besten von jemandem aus dem Fachbereich vorgenommen wird. Jemand, der weiss, dass dieses und jenes Buch zusammenstehen müssen, weil ein Suchender oft beide zugleich konsultieren muss. Klaue erscheint so als ein laufschwacher Forscher, der am liebsten direkt vor dem Regal sitzt, in dem alle Bücher stehen, die er benötigt. Im Umkehrschluss macht er aber auf ein Phänomen jeder guten Bibliothek aufmerksam: Die (unzweckmässige) Anordnung der Bücher führte dazu, dass man beim Suchen auf unerwartete Schätze stossen würde. Dass man schmökert, gewissermassen. Gleichzeitig bemängelt der Anarchist Klaue, dass die Sortierung des “Berlin Brain” ihn bei der Beschaffung seiner Lektüre dazu zwinge, Stockwerke zu überwinden – eine geeignetere Art, Unerwartetes zu finden, dürfte es kaum geben.

Als häufiger Besucher der Grimm-Bibliothek der HU (über sie gibt es bereits ein ganzes Buch, eine “Hommage”, so der Tagesspiegel) kann ich mich mit Klaues Kritik der heutigen Bibliothekssitten mehr identifizieren. Zwar ist im Grimmzentrum die Garderobe nicht direkt unter den Arbeitsplätzen eingerichtet (wie in der FU), dennoch herrscht dort Unruhe. Es ist das gewaltige Grundrauschen der vielen Laptops, die ein völlig unhumboldtianisches Getippe und Geklicke produzieren. Wenn man sich an einem konzentrationsschwachen Tag neben solch einer Maschine plaziert sieht, kann man jegliche ernsthafte Arbeit vergessen. Im schlimmsten Fall machen allein die Lüfter dieses Dings einen solchen Lärm, dass an ein ruhiges Lesen nicht zu denken ist. In einem Raum mit 280 Arbeitsplätzen, die einander auch noch zugewandt sind, herrscht nie vollständige Stille. Besonders nicht, wenn beinahe jeder der Studierenden einen tragbaren Computer mitbringt (siehe Bild oben). Deren Hochfahr-Geräusche finden in der wohlproportionierten Halle einen erstklassigen Klangkörper, die Nutzer selbst stört das jedoch kaum, denn meistens tragen sie ohnehin Kopfhörer. Auf meinen Vorschlag hin, einige der Arbeitsebenen in dem zentralen Raum Laptop-frei einzurichten, antwortete die Bibliotheksleitung folgendermaßen: Laptop-freie Zonen gebe es schon, und zwar an der äusseren Peripherie des Gebäudes, in den Ecken hinter den Regalen und direkt an der Fensterfront, die von den Geräuschen der Straße und der S-Bahn scheinbar ungedämpft penetriert wird. Insgesamt gebe es 40 Laptop-freie Arbeitsplätze.

Das muss man natürlich im Verhältnis zu den 1210 restlichen Plätzen sehen. Wovon viele einen festinstallierten Computer aufweisen. Ist der Wunsch nach Ruhe zum Lesen wirklich so wirklichkeitsfremd? Ist die Bibliothek nicht mehr der Ort, wo man ihn noch äussern darf?