Eines Abends fuhren wir in den Westen, um an einer Veranstaltung des nahe der Bundesallee beheimateten Sudan-Clubs teilzunehmen. Programm und Sprecher waren nicht ganz klar, es sollte allerdings ein sudanesisch-stämmiger Politiker, der im Ausland beschäftigt war, einen Überblick über die Lage in dem Land geben. Im Januar 2011 steht dort ein Referendem an, es wird über die Teilung des Landes entschieden. Die Unterschiede zwischen der arabisch geprägten Nordregion und der christlich geprägten Gebiete im Süden haben zu unzähligen kriegerischen Auseinandersetzungen geführt. Die Region Darfur ist ein Stück Land, das aus dem Unwissen über den afrikanischen Kontinent herausragt. Dort geschehen Völkermorde.

Der Raum im obersten Stock eines Bürohauses ist bis auf wenige Hinweise auf seine Besucher kahl. Wir sind die einzigen Weissen. Neuankömmlinge begrüssen jeden, auch uns, mit Handschlag. Anhand ihrer Begrüssung versuchen wir auf ihre Herkunft zu schliessen. In Sudan wird Arabisch und Englisch geredet, einige muslimischen Besucher des Clubs tun sich mit dem späteren Vortrag aber schwer, der auf unser Bitten hin in Englischer Sprache stattfindet. Die Redner verspäten sich um fast zwei Stunden. Einer von ihnen ist bloss auf der Durchreise und wird uns später zu verstehen geben, dass es sich um ein privates Engagement von ihm handelt, weswegen er vor allzu expliziten Statements zurückschreckt.

Sein Vortrag ist eher eine allgemeine Beschreibung der politischen Entwicklung im Sudan mit Akzent auf der Zuspitzung, die sich durch das Ende der Koalition im kommenden Jahr ergibt. Sein Englisch ist afrikanisch durchtränkt. Seine Augen glühen. Die anderen Zuhörer nicken einträchtig. Es sind ungefähr 20 Leute da. Zwischendurch gibt es sudanesisches Essen. Ein bebrillter, grosser Mann kommt auf uns zu, spricht uns auf das Essen an. Er ist nicht der einzige, der uns einen guten Appetit wünscht. Es stellt sich heraus, dass er der Besitzer der Nil-Restaurants in Friedrichshain ist. Er lädt uns ein, bei ihm einzukehren. Politik interessiert ihn nicht, dennoch scheint er nicht zuletzt wegen seiner Buffet-Arrangements wie ein Angelpunkt in dieser kleinen sudanesischen Gemeinde.

Die Veranstaltung hinterlässt zwiespältige Gefühle bei uns. Dem Vortrag des Sudanesen ist durch die Sprache und die Komplexität des Themas nur schwer zu folgen. Gleichzeitig zeichnet ihn eine hervorragende Analytik aus. Seine Sätze begleitet eine Metaphorik, die ihresgleichen sucht. “You don’t like a burning house if you can smell the smoke”; so umschreibt er die Situation der Menschen im Süden, die ungern im Frieden leben, wenn sie anderswo Krieg wittern. Es ist die Metaphorik, die der Krieg mit sich bringt, eine Poesie voll trauriger Schönheit, aber auch die Poesie der arabischen Sprache, deren Buchstaben Geschichten erzählen.

Für die anderen Besucher muss der Vortrag nicht sehr aufschlussreich gewesen sein, denken wir. Sie sind selbst Sudanesen und kennen sich mit der politischen Situation aus. Ihre Aufmerksamkeit und ihre Fragen lassen aber andere Schlüsse zu. Auf Arabisch werden ausführliche Kataloge vorgetragen, die sich der Referent notiert. Seine Zuhörer sind skeptisch.

Warum kommen so wenige Zuhörer zu solch eminent wichtigen Einblicken in eine Region der Erde, die von Krisen und Kriegen zerrüttet ist wie kaum eine zweite? Sudan ist das grösste Land Afrikas und eine Brücke zwischen der arabischen Welt im afrikanischen Norden und der afrikanischen Stammeskultur im südlichen Teil.

Politik der verbrannten Erde, Darfur.